Hohenzollemmonarchie zu danken, sondern das Werk einer gnädigen göttlichen
Fügung32.
Der Verlauf der Feier zeigte auch, dass die Bürger angesichts der sehr hohen
Mobilisierung durch die Presse und Vereine sich dem damit verbundenen sozialen
Druck kaum entziehen konnten. Wenn man zum Beispiel ein Geschäft in einer der
Hauptstraßen Saarbrückens besaß, hätte der Verzicht auf eine besondere Gestaltung
der Schaufenster oder auf die Illumination aller Fenster ohne Zweifel kritische
Bemerkungen der Nachbarn oder auch geschäftliche Einbußen zur Folge haben
können.
Vermutlich haben auch zahlreiche Arbeiter zumindest als Zuschauer an den
Veranstaltungen teilgenommen. Möglicherweise fühlten sie sich auch von der
ständeübergreifenden Verbrüderungsrhetorik mancher Festredner angezogen oder
ganz einfach von den spektakulären Darbietungen zu Wasser und in der Luft. In
jedem Fall waren sie ja mit ihren Familien in das Festgeschehen einbezogen, sofern
sie Kinder in den entsprechenden Schulklassen hatten oder Mitglied in einem
der vielen beteiligten Vereine waren. Allerdings gab es in Saarbrücken keine arbeitemahe
politische Gruppierung, die bedeutend und mutig genug war, ihre Opposition
gegen die Jahrhundertfeier wahrnehmbar zu artikulieren ’3.
Hinsichtlich der erinnerungspolitischen Strategien wurde erkennbar, dass die
sachgeschichtlichen Fakten der militärischen Ereignisse von 1813 bei der Jahrhundertfeier
in Saarbrücken nur fragmentarisch und zum Teil auch bewusst verzerrt
Eingang in die Aufrufe und Festreden gefunden haben. So ist es sehr verwunderlich,
dass es in Saarbrücken gar keinen Hinweis darauf gab, dass auch noch andere
Nationen gemeinsam mit den preußischen Heeren maßgeblichen Anteil an dem
Sieg gegen Napoleon hatten. Natürlich kann man Verständnis dafür haben, dass die
preußischen Heere bei einer Jahrhundertfeier in den Mittelpunkt des Sieges gerückt
wurden, aber das rechtfertigte nicht diese Form absichtsvollen Vergessens34.
'2 Mehrere Artikel der zentrumsnahen Saarbrücker Volkszeitung zeigen, dass auch bei den
Katholiken die Völkerschlacht einen hohen Stellenwert hatte. Zu dieser heilsgeschichtlichen
Verklärung vgl. zum Beispiel den Leitartikel zur Völkerschlacht in der Saarbrücker
Volkszeitung am 18. Oktober: Das war ein Tag, den Gott gemacht, als vor den
Toren Leipzigs der entfesselte Völkergrimm den furchtbaren korsischen Bedrücker zu
Boden zwang. Es war ein dornenvoller Weg gewesen für das preußische Volk, der Weg
von Jena nach Leipzig, aber es war ein Weg, den Gott gewiesen hat und den ein Cherub
mit flammendem Schwerte den Preußen offenhielt. [...]. In dem lebendigen Gefühle, dass
Gott die Geschicke unseres Volkes durch 100 Jahre gnädig geleitet hat, stehen wir jetzt
vor dem gewaltigen Monumente, das deutsche Dankbarkeit und Stolz dem Gedächtnis
der Völkerschlacht vor 100 Jahren auf dem Gelände hei Leipzig errichtet haben. ,Gott
mit uns ’ soll auch heute noch der Kampfruf des deutschen Volkes sein, wenn Gott es wieder
zu den Waffen rufen sollte, zum Kampf um Ehre und Freiheit.
Vgl. im Gegensatz dazu die Lage in Kaiserslautem, wo der Stadtrat mit seiner SPD-Mehrheit
die Beteiligung an der Jahrhundertfeier ablehnte, siehe Evelyn Weiss (wie
Anm. 12 ), S. 249f. Zu Saarbrücken Klaus-Michael Mallmann, „Das Gebiet ist bis jetzt
eine vollständige terra incognita“. Die verspätete SPD im Saarrevier, in: Mallmann u. a.
(wie Anm. 17), S. 70.
4 Ute Planert hat daraufhingewiesen, dass der Mythos der heroischen Völkerschlacht das
Ergebnis eines langwierigen Prozesses war: „Bis aus pluralen Interpretationen ein veritabler
Mythos entsteht, ist viel Konstruktionsarbeit nötig - viel Umdeutung und Reinterpretation,
viel zielgerichtetes Erinnern und noch mehr absichtsvolles Vergessen.“
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