nen in den Saarstädten ansässige Familien übernahmen diese deutsch-preußische
Erinnerungskultur, weil sie ganz offensichtlich auch für die zukünftig erwartete politische
Entwicklung der Saarregion einen großen Nutzen versprach: wenn sich die
preußische Gesinnung der Saarbrücker Bürger schon in der napoleonischen Zeit
belegen ließ, dann konnte man daraus ja auch das moralische Recht auf ein wechselseitiges
Treuebekenntnis zwischen preußischer Herrschaft und den Saarstädten
ableiten. Eine solche Erinnerungskonstruktion brachte also einen Bedeutungsgewinn
für das Saarbrücker Bürgertum in einer Gegenwart und Zukunft, die aus
seiner Sicht eindeutig preußisch geprägt war und sein würde. Letztlich handelte es
sich bei dieser Umdeutung der lokalen Geschichte um einen Assimilierungsprozess,
der mehrere Jahrzehnte andauerte und der im Wesentlichen aus einer Anpassungsleistung
der alteingesessenen Saarbrücker Bevölkerung an die Wertsysteme
und Erinnerungskulturen preußischer Herkunft bestand17.
Bezüge zur preußischen, heldenhaft verklärten Geschichte prägten dann auch
das Stadtbild: Da konnte man in der Luisenanlage spazieren gehen, da gab es zahlreiche
neue Straßen, die nach preußischen Generälen benannt wurden, aus Preußen
stammende Architekten errichteten herrschaftliche Bauten wie die Bergwerksdirektion
oder später auch Denkmäler zu Ehren Bismarcks und des ersten Kaisers aus
der Hohenzollemdynastie.
Dieser Triumph der preußisch-deutschen Mentalität und Loyalität wurde freilich
entscheidend gefördert und gesichert durch ein militärisches Ereignis, das 1870 direkt
vor den Toren der beiden Saarstädte stattfand: die blutige, aber letztlich doch
erfolgreiche Schlacht bei den Spicherer Höhen war das entscheidende Schlüsselerlebnis,
das die Bürger endgültig zu glühenden Verehrern des preußischen Machtstaates
machte18. Dank des großen Einsatzes der deutschen Regimenter waren die
Städte aus der Hand der französischen Besatzer befreit worden und zusätzlich hatte
der Krieg von 1870/71 den Deutschen ja die langersehnte Einheit und die Gründung
eines neuen Reiches ermöglicht. Dabei war es für viele Bürger besonders
wichtig, dass dieser glorreiche Krieg vor den Toren der Saarstädte begonnen hatte,
die Wiege des neuen Reiches gleichsam unmittelbar vor Saarbrücken stand, und so
war es selbstverständlich, dass von nun an die Erinnerung an diese Schlacht in den
Mittelpunkt der lokalen Erinnerungskultur gestellt wurde.
Die Vorbereitung der Jahrhundertfeier - Akteure und Strategien
Nach dem Zusammenschluss der drei Saarstädte zur Großstadt Saarbrücken im
Jahr 1909 wurde die Stadt im Gefolge des allgemeinen mitteleuropäischen Wettrüstens
zu einem wichtigen preußischen Gamisonsstandort ausgebaut. Im Jahr
1912 nahm das neugebildete stellvertretende Generalkommando des XXL Armeekorps
seinen Sitz in Saarbrücken, das damit eine bedeutende strategische Funktion
1 In diesem Sinn ist die Deutung, dass hier „Missionare“ am Werk waren, die die „Eingeborenen
Mores lehren“ wollten, für die Bevölkerung der Saarstädte sicher nicht zutreffend,
vgl. Klaus-Michael Mallmann u.a., Die heilige Borussia. Das Saarrevier als preußische
Industriekolonie, in: Klaus-Michael Mallmann, Gerhard Paul, Ralph SCHOCK
und Reinhart Klimmt (Hg.), Richtig daheim waren wir nie. Entdeckungsreisen ins Saarrevier
1815-1955, Berlin/Bonn 1987, S. 17.
Is Rolf Wittenbrock, Die Schlacht bei Spichem in den Erinnerungskulturen beiderseits
der Grenze, in: Zeitschrift für die Geschichte der Saargegend 58 (2010), S. 89-101.
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