Um diese Fragen zu beantworten, sind zunächst die Grundlinien der Wahrnehmung
und Deutung der Völkerschlacht in den Saarstädten im 19. Jahrhundert
nachzuzeichnen. Dabei ist auch der 50. Jahrestag der Schlacht im Jahr 1863 von
Interesse, um mögliche Kontinuitäten oder auch Zäsuren in der lokalen Erinnerungskultur
aufzudecken. Dann ist die Rolle und Zielsetzung der wichtigsten Akteure
der Jahrhundertfeier von 1913 zu analysieren, also der Protagonisten sowie
der Medien und der verschiedenen sozialen Gruppen und Vereine bei der Vorbereitung
und Durchführung der Feiern. Im Mittelpunkt stehen dabei die Rituale und
Symbole bei der Inszenierung des Jubiläums sowie die Festtagsrhetorik und die Instrumentalisierung
der lokalen Geschichte für nationalpolitische Zwecke.
Die Völkerschlacht bei Leipzig und die lokale Erinnerung der
Saarbrücker im 19. Jahrhundert
ln den beiden Nachbarstädten Saarbrücken und St. Johann wohnten 1815 etwa
6000 Einwohner. Sie lebten in einer Stadt, die 1793 von französischen Truppen besetzt
worden war und seit dem Jahr 1801 staatsrechtlich zu Frankreich gehörte.
Saarbrücken war die südlichste Stadt des französischen Saardepartements, der Präfekt
hatte seinen Sitz in Trier, in Saarbrücken gab es nur einen Unterpräfekten, der
das Arrondissement Saarbrücken leitete.
Von der entscheidenden militärischen Niederlage Napoleons in Leipzig gegen
die verbündeten Heere aus Preußen, Österreich, Russland und Schweden erfuhren
die Bewohner der Saarstädte erst mit einiger Verspätung. Zunächst wurde die
Nachricht verbreitet, der französische Kaiser habe einen Sieg davongetragen4 *. Erst
mit der Rückkehr der besiegten Armeen verbreitete sich die Erkenntnis, dass Napoleon
tatsächlich entscheidend besiegt worden war. Zahlreiche Quellen belegen,
dass sich die meisten Bürger mit der französischen Herrschaft arrangiert hatten.
Bei seinen insgesamt sieben Durchzügen durch die Städte war Napoleon mit Triumpfbögen
und Vivatrufen empfangen und als Friedensstifter geehrt worden . Wie
im ganzen Saar-Departement hatten die Männer wohl auch - mit deutlich größerer
Bereitschaft als in den meisten Departements im Innern Frankreichs - ihre Dienstpflicht
in der französischen Armee erfüllt und waren für den Kaiser in den Krieg
gezogen6. Es gab es viele Indizien dafür, dass die Integration der Bevölkerung der
Saarstädte in den französischen Staatsverband schon recht weit fortgeschritten war,
bot die Zugehörigkeit zu einem mächtigen und in vielerlei Hinsicht fortschrittli¬4
Wilhelm Schmitz, Politische Zustände und Personen in Saarbrücken in den Jahren 1813,
1814 und 1815. Saarbrücken 1865, S. 5.
Burg, Saarbrücken im revolutionären Wandel (wie Anm. 1) S. 476. Noch am 13. November
1812 schrieb der Präfekt des Saar-Departements an den Innenminister in seinem
Bericht über die Berufung zum Militärdienst des Jahrgangs 1813: Ces heureux résultats
donneront à votre Excellence, je suis persuadé, la certitude du zèle de tous les fonctionnaires
publics de ce département pour le service de l'Empereur et du dévouement des
habitants à la personne de Sa Majesté, zitiert nach Calixte Hudemann-Simon, Réfractaires
et déserteurs de la Grande Armée en Sarre (1802-1813), in: Revue historique 277
(1987), S. 11-45 (hier S. 39).
6 Hudemann-Simon (wie Anm. 5).
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