Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

Geschichte  habe,  der  mit  warmem  Anteil  die  Geschichte  der  Einzelstaaten  verfolge^4.
  Im  Tenor  vergleichbar  äußerte  sich  der  Metzer  Archivdirektor  Dr.  Wolfram
auf  der  Tagung  des  Gesamtverbandes  in  Dresden  im  Jahr  1900:  Aber  keine  Vaterlandsliebe
  ohne  Heimatgefiihl.  Nur  als  Sachsen,  als  Preussen  oder  Baiern  sind  wir
Deutsche^.  Die  Gesellschaften  betrachteten  Geschichtswissenschaft  als  Dienst  am
Vaterland;  aber  was  verstanden  sie  unter  Vaterland?  Auf  jeden  Fall  ist  dieser  Begriff
  nicht  als  Synonym  für  Nation  zu  verstehen,  sondern  oszilliert  zwischen  sehr
enger  städtischer  und  regionaler  Konnotation  und  der  Nationsidee  beziehungsweise
dem  geeinten  Nationalstaat,  dies  vor  allem  im  ausgehenden  19.  und  beginnenden
20.  Jahrhundert.  Die  Vereinshistoriker  verstanden  darunter  eindeutig  die  Geschichte
  ihrer  Stadt,  des  städtischen  Umfelds  und  der  Region.  Für  die  Berliner  war  der
Bezugspunkt  der  Herrschaftsbereich  des  Hauses  Hohenzollem  und  für  den  Dresdner
  Verein  blieb  es  das  Königreich  Sachsen.  Sie  wollten  und  konnten  keine  nationale
  Geschichte  schreiben  -  das  geschah  außerhalb  der  Vereine.  Die  räumliche
Dimension  ihrer  Arbeiten  beschränkte  sich  folglich  auf  den  sui  generis  gewählten
Gegenstand.  Wie  eminent  wichtig  dann  die  eigene  Geschichte  wiederum  für  die
gesamtstaatliche  Entwicklung  war,  wurde  von  den  Vereinshistorikern  aber  immer
wieder  geradezu  gebetsmühlenartig  betont.  Oft  gingen  sie  sogar  so  weit,  die  lokale
Geschichte  mit  einer  sogenannten  nationalen  gleichzusetzen.
Abschließend  sei  nun  die  Frage  erörtert,  ob  mit  Geschichtsvereinen  und  den  von
ihnen  vorgelegten  Arbeiten  überhaupt  -  wie  intendiert  -  Identitäten  geschaffen
werden  konnten.  Damit  sind  wir  bei  der  Rezeptionsproblematik  angekommen.  Wer
hat  die  von  den  Vereinshistorikern  vorgelegten  Arbeiten  überhaupt  gelesen?  Hier
sei  nur  kurz  daraufhingewiesen,  dass  viele  Vereine  in  ihren  Organen  häufig  Quellentexte
  publiziert  haben  und  zwar  in  der  Originalsprache.  Die  Autoren  von  historiographischen
  Arbeiten  versuchten  selten,  über  den  engeren  Kreis  der  Gelehrten
hinaus  zu  dringen.  Die  akademischen  Schriften  litten  nach  ihrer  Ansicht  unter  dem
Fluch,  nicht  gelesen  zu  werden54 56,  und  sie  waren  sich  durchaus  bewusst,  dass  sie
ohnehin  nur  die  gebildeten  Schichten  erreichen  konnten.  Der  anspruchsvolleren
Lektüre  historisch  wissenschaftlicher  Texte  unterzog  sich  demgegenüber  nur  eine
kleinere  Zahl  von  Rezipienten.  Auf  die  Ausbildung  lokaler  und  regionaler  Identitäten
  in  weiteren  Teilen  des  Volkes  übten  die  Vereine,  wenn  überhaupt,  nur  einen
sehr  indirekten  Einfluss  aus.  Vielleicht  haben  noch  am  ehesten  die  mehr  oder  weniger
  zahlreich  involvierten  Pfarrer  und  Lehrer  das  von  den  Vereinen  geprägte  Geschichtsbild
  an  breitere  Schichten  herangetragen.
Adressat  war  also  die  kleine  Gruppe  historisch  interessierter  Adliger  und  Bürgerlicher
  -  politisch  meist  konservativ  oder  konservativ-liberal  ausgerichtet  die
ohnehin  schon  loyal  war.  Diesem  Adressatenkreis  boten  sie  mit  ihren  Publikationen
  Identifikationsmöglichkeiten  und  beeinflussten  seine  kulturellen  und  vielleicht
auch  seine  politischen  Interessen.  Diese  Gruppen  waren  darüber  hinaus  bereit,
staatliche  Loyalitäten  mittels  der  Geschichtswissenschaft  zu  fördern,  selbst  ohne

54  Hubert  Ermisch,  Die  sächsische  Geschichtsforschung  in  den  letzten  dreissig  Jahren,  in:
Neues  Archiv  für  Sächsische  Geschichte  und  Altertumskunde  15  (1894),  S.  1-26.
Ders.,  Das  fünfundsiebzigjährige  Jubiläum  (wie  Anm.  34),  S.  10.
56  So  Hermann  Hüffer,  Bonner  Professor  und  Präsident  des  Historischen  Verein  für  den
Niederrhein;  vgl.  Hermann  Hüffer,  Lebenserinnerungen,  hg.  von  Ernst  Sieper,  Berlin
1914,  S.316.

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