ben unterstützt vom Haus- und Hofarchivar und Vorsitzenden des Vereins, Hubert
Ermisch, an ihrer eigenen Geschichte44.
Daneben gab es aber wiederum andere Vereine, denen das Herrscherhaus unter
dessen Regierung sie arbeiteten, keine oder kaum Möglichkeiten einer positiven
Identifikation bot. In den Publikationen des Historischen Vereins für den Niederrhein
sucht man vergeblich Hagiographisches über die Hohenzollem. Nach der
Gründung des Deutschen Reiches 1871 wurde eine gemeinsame Sicht auf die Vergangenheit
propagiert, allen voran schrieb Heinrich von Treitschke seine berühmte
„Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert“ aus dezidiert preußischer und protestantischer
Sicht. Der Historische Verein für den Niederrhein konnte derartigen Geschichtsinterpretationen
wohl wenig abgewinnen, stand er doch dem katholischen
Milieu sehr nah, mit einer gewissen Vorsicht kann man ihn als Teil des Milieus bezeichnen45.
Rund 37 Prozent seiner Mitglieder waren Geistliche. Als Präsidenten
folgten aufeinander der Pfarrer Hubert Mooren (1855-1881), die Theologieprofessoren
Hermann Hüffer (1881-1903) und Heinrich Schrörs (1904-1926), in der
Hochphase des Kulturkampfes wurden als Vizepräsidenten gewählt: der Theologiepofessor
Heinrich Floß (1870-1881) sowie die Domkapitulare Karl Theodor
Dumont (1881-1885) und Alexander Schnütgen (1885-1904). Weiterhin ernannte
der Verein Johannes Janssen, den katholischen Reformationshistoriker, zum Ehrenmitglied
des Vereins. Dieser sah in der Reformation den Niedergang des Heiligen
Römischen Reiches Deutscher Nation vorbereitet, wohingegen aus protestantischer
Sicht die Reformation die Befreiung von ultramontanen Fesseln bedeutete46.
Die Historiker des Niederrheinischen Vereins wandten sich denn auch folglich
den Themen der regionalen und lokalen Geschichte zu, die ihnen angemessene
Identitfikationsmöglichkeiten boten: der Geschichte der Kirche, der des niederrheinischen
Adels und der der bedeutendsten rheinischen Städte, allen voran natürlich
Köln. Wurde in der Erinnerungskultur Westfalens im 19. Jahrhundert der heilige
Ludgerus vom katholischen Milieu benutzt, um die regionale Identität zu stärken47,
so übernahm in Köln der heilige Anno diese sinnstiftende Funktion. Hinzu
kamen zahlreiche Beiträge zur ehemals reichen Klosterlandschaft. Um diese Forschungen
auch durch sinnliche Eindrücke zu verstärken, begab der Verein sich bei
den jährlich stattfindenden Wanderversammlungen gerne in Klöster, vor allem in
der Hochzeit des Kulturkampfes. 1877 traf sich die Gesellschaft in Werden, wo
man als krönenden Abschluss die prächtige Abteikirche und die Grabstätte des hei¬44
Vgl. Ermisch, Das fünfundsiebzigjährige Jubiläum (wie Anm. 34); Jana Lehmann, Hubert
Ermisch. Ein Beitrag zur Geschichte der sächischen Landesforschung, Köln-Weimar-Wien
2001.
Josef Mooser, Das katholische Milieu in der bürgerlichen Gesellschaft. Zum Vereinswesen
des Katholizismus im späten Deutschen Kaiserreich, in: Religion in Geschichte und
Gesellschaft. Sozialhistorische Perspektiven für die vergleichende Erforschung religiöser
Mentalitäten und Milieus, hg. von Olaf Blaschke und Frank-Michael Kuhlemann, Gütersloh
1996, S. 59-92; zur Rolle der Priester im Vereinswesen: Olaf Blaschke, Die Kolonialisierung
der Laienwelt. Priester als Milieumanager und die Kanäle klerikaler Kuratel,
in: ebd., S. 93-136; sowie Clemens, Katholische Traditionsbilder (wie Anm 18).
46 Holger Gräf, Reich, Nation und Kirche in der groß- und kleindeutschen Historiographie,
in: Historisches Jahrbuch 116 (1996), S. 367-394.
4 Vgl. Uta Rasche, Erinnerungskultur im katholischen Milieu: Die Ludgerus-Verehrung
im Bistum Münster (1840-1910), in: Westfälische Forschungen 51 (2001), S. 235-255.
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