Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

stets  die  Vorstellungen  von  Nation  beglaubigt,  der  „gemeinsame  Besitz  eines  reichen
  Erbes  an  Erinnerungen“41 *,  das  Renan  zum  Fundament  einer  jeden  Nation
rechnet.  Diesen  gemeinsamen  Besitz  gab  es  für  die  regionalen  Geschichtsvereine
aber  nur  in  ihrem  eigenen  Land.  An  der  Konstruktion  einer  nationalen  Geschichte
haben  die  Gesellschaften  nur  bedingt  mitgewirkt.  Für  die  historischen  Vereine  in
Dresden,  München  und  Stuttgart  bildeten  das  eigene  Herrscherhaus,  der  regionale
Adel  und  die  regionale  Kirchengeschichte  die  Säulen  ihres  Geschichtsbewusstseins.
  Diese  Vereine  haben  keine  nationale,  sondern  regionale  Geschichte  geschrieben,
  und  diese  stilisiert  beziehungsweise  idealisiert4-.
Deutlich  wird  dies  anhand  einer  Analyse  der  schwerpunktmäßig  behandelten
Themen.  In  diesen  konservativ  etatistischen  Gesellschaften  wurde  weiterhin  Geschichte
  nach  dem  Motto  geschrieben:  große  Männer  machen  Geschichte,  seien  es
nun  Adlige,  Senatoren,  Bischöfe,  Fürsten  oder  Könige.  Ihnen  setzten  die  Vereinshistoriker
  eindrucksvolle  literarische  Denkmäler.  Besonders  zahlreich  waren
die  Publikationen  zu  den  Herrscherhäusern.  Jene  Geschichtsvereine,  die  in  den  Residenzstädten
  angesiedelt  waren,  erfreuten  sich  alle  der  Protektion  des  Herrscherhauses.
  Diese  Förderung  konnte  sehr  eng  und  persönlich  sein.  Sie  haben  in  ihren
Schriften,  Reden  und  Feiern  ihr  Möglichstes  dazu  beigetragen,  ihren  jeweiligen
Monarchen  und  überhaupt  das  regierende  Haus  und  seine  Vergangenheit  zu  glorifizieren.
  Das  Herrscherhaus  bildete  den  ersten  Bezugspunkt  für  die  kollektive  Erinnerung
  und  Identitätsbildung.  Kritische  Töne  sucht  man  hier  vergeblich.  In  den
Vereinspublikationen  und  Reden  werden  zum  einen  eher  persönliche  Facetten  der
jeweiligen  Monarchen  dargestellt,  zum  anderen  findet  man  zahlreiche  Darstellungen
  und  Vorträge  über  wichtige  politische  Maßnahmen  der  Herrscher,  kriegerischen
  Mut  und  Fortune,  die  Leistungen  für  den  Aufbau  eines  starken  Staates  etc.
Besonders  in  München  griff  man  mit  zahlreichen  Beiträgen  gerne  ins  Mittelalter
zurück.  Die  Vereinshistoriker  waren  in  der  bayerischen  Residenzstadt  überaus  stolz
darauf,  vom  ältesten  deutschen  Herrschergeschlecht  regiert  zu  werden  und  wurden
nicht  müde,  dies  zu  betonen,  ln  Übereinstimmung  mit  der  Haltung  in  anderen  Vereinen
  gebührte  der  königlichen  Familie  schon  fast  kultische  Verehrung.  Besondere
Aufmerksamkeit  galt  selbstredend  Ludwig  dem  Bayern,  dem  einzigen  Wittelsbacher,
  der  im  Mittelalter  die  Königs-  und  Kaiserwürde  erlangte4’.  Auch  im  Dresdner
Altertumsverein  erfreute  sich  das  Herrscherhaus  großer  Popularität.  Im  ausgehenden
  19.  Jahrhundert  handelten  durchschnittlich  zwei  bis  drei  von  sechs  insgesamt
gehaltenen  Wintervorträgen  über  den  Monarchen  und  seine  Familie.  Prinzen  des
hohen  Hauses  leiteten  den  Verein  nicht  nur  formell,  sondern  tatkräftig;  sie  schrie-41

  Emest  Renan,  Was  ist  eine  Nation?  Rede  am  11.  März  1882  an  der  Sorbonne.  Mit  einem
Essay  von  Walter  Euchner,  Hamburg  1996,  S.  34.
42  Clemens,  Sanctus  Amor  Patriae  (wie  Anm.  7),  S  328-335.  Vgl.  diesbezüglich  auch  Cathrin
  Friedrich,  Die  Konstituierung  der  Regionalgeschichte  in  Sachsen  und  der  Bretagne
und  ihre  Rolle  für  regionale  Identifikationen,  in:  Comparativ  10  (2000),  S.  93-107;
Abigail  Green,  „Fatherlands“.  State-building  and  Nationhood  in  Nineteenth-Century
Germany,  Cambridge  2001.
4'’  Clemens,  Sanctus  Amor  Patriae  (wie  Anm.  7),  S  260.

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