Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

Säkularfeier  kann  als  Programm  für  Lappenbergs  eigene  Arbeiten  gelesen  werden.
Deutlich  wird  schon  hier,  dass  die  Rechts-  und  Verfassungsgeschichte  der  Stadt
Hamburg  neben  der  Hansegeschichte  für  ihn  der  eigentliche  Gegenstand  seiner
Forschungen  waren.  Seine  Aufgabe  als  Historiker  sah  er  darin,  der  Bevölkerung
den  Konservatismus  nahe  zu  bringen.  Politik  ist  seiner  Meinung  nach  nur  demjenigen
  verständlich,  der  sich  mit  den  historischen  Verfassungen  auskennt,  am  besten
vermittelt  durch  die  Überlieferung  der  Geschichte  der  ehemals  für  die  Politik  der
Hansestadt  verantwortlichen  Vorfahren.  Nur  so  sind  die  Zeitgenossen  vor  Veränderungen
  durch  unreife  Demokraten  zu  schützen.  Ansonsten  droht  der  Untergang  der
freien  Hansestadt'9.
Die  Mehrheit  der  im  Verein  vertretenen  Patrizier  hörte  wohl  nur  zu  gerne  Lappenbergs
  Lobreden  auf  die  gute  alte  Verfassung  und  stemmte  sich  mit  ihm  gegen
Reformen.  Auch  nach  Lappenbergs  Tod  1865  änderte  sich  an  Inhalt  und  Tenor  der
Publikationen  zur  Stadtgeschichte  wenig.  Senat  und  Bürgerschaft  hatten  diesen
Verein  immer  großzügig  unterstützt,  ihre  Vertreter  gehörten  dutzendweise  dem
Verein  an  und  die  dort  tonangebenden  Geschichtsschreiber  boten  die  erwünschte
stadtaffirmative  Historiographie.  Der  Präsident  Theodor  Schräder  versicherte  den
anwesenden  Honoratioren  1889  anlässlich  des  fünfzigjährigen  Stiftungsfestes,  dass
der  Verein  gewillt  war,  auf  dem  Ackerfeld,  welches  Lappenberg  und  andere  verdiente
  Männer  uns  angewiesen  haben  weiter  zu  säen  und  zu  ernten40.  Themen  der
nationalen  Geschichtsschreibung  fanden  keinen  Eingang  in  die  Vereinspublikationen,
  vielmehr  galt  es  die  eigenen  lokalen  Traditionen  zu  erforschen  und  zu  feiern.
Der  Stolz  auf  die  eigene  selbständige  stadtrepublikanische  Vergangenheit  ließ  sich
nicht  mit  der  Einbindung  und  Unterordnung  Hamburgs  in  einen  Territorialstaat
verbinden.
Andere  Vereine  haben  eine  dezidiert  regionale  Geschichtsschreibung  verfolgt.
Es  war  ja  auch  ihr  in  den  Satzungen  erklärtes  Ziel,  die  Liebe  zum  Vaterland  zu  wecken
  und  die  eigene  Vergangenheit  zu  erforschen,  wobei  mit  Vaterland  nicht  der
Nationalstaat  gemeint  war.  Nationale  Geschichtsschreibung  war  im  19.  Jahrhundert
ohnehin  die  Domäne  der  Universitätsprofessoren  und  der  Historischen  Kommissionen.
  In  den  Vereinspublikationen  hatte  eine  wie  auch  immer  geartete  nationale
Geschichte  keinen  oder  kaum  Platz.  Die  Nationalstaatsgründung  wurde  selbstverständlich
  in  Vereinsreden  begrüßt,  bei  Feierlichkeiten  galt  der  erste  Toast  dem  Kaiser,
  aber  dies  führte  zu  keinem  Perspektivwechsel  in  den  konkreten  Forschungsarbeiten.
  Die  überwiegende  Mehrzahl  der  in  den  Vereinen  engagierten  Mitglieder
kam  aus  den  traditionellen  Oberschichten,  und  diese  hatten  einen  oft  über  Jahrhunderte
  gewachsenen  traditionellen  Stolz  auf  ihr  Gemeinwesen  entwickelt,  und  das
wirkte  sich  entscheidend  auf  ihr  Geschichtsbewusstsein  und  ihre  Geschichtsschreibung
  aus.  Dem  neuen  Nationalstaat  standen  sie  häufig  distanziert,  reserviert  bis
vorsichtig  bejahend  gegenüber.  Ernest  Renan  hat  in  seinem  Buch  über  die  Nation
geschrieben,  was  sie  denn  ausmachte.  Dazu  gehörte  der  Mythos  des  Uralten,  der

j9  Siehe  hierzu  die  ausführliche  und  instruktive  Arbeit  über  Lappenberg  von  Rainer  Postel,
  Johann  Martin  Lappenberg.  Ein  Beitrag  zur  Geschichte  der  Geschichtswissenschaft
im  19.  Jahrhundert,  Lübeck-Hamburg  1972,  S.  58-60.
4,)  Vgl.  Theodor  Schräder,  Das  fünzigjährige  Stiftungsfest  des  Vereins  für  Hamburgische
Geschichte,  in:  Zeitschrift  des  Vereins  für  Hamburgische  Geschichte  9  (1890),  S.  1-51,
S.  13.

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