Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

rufe'\  Hier  bestand  nur  das  grundsätzliche  Problem,  wie  man  die  vornehmlich  römischen
  Ausgrabungsfunde  für  das  nationale  Interesse  vereinnahmen  sollte'6.
Geschichtsvereine  wurden  also  instrumentalisiert,  um  historisch  begründete
Identitäten  zu  schaffen.  Zum  einen  wurde  dazu  von  staatlicher  Seite  auf  sie  eingewirkt,
  zum  anderen  waren  sie  auch  ohne  Aufforderung  nur  zu  bereit,  derartige  Prozesse
  zu  unterstützen.  Es  drängt  sich  die  Frage  auf,  ob  und  inwieweit  sich  die  in
den  Geschichtsvereinen  engagierten  Honoratioren  am  Prozess  der  Nationalstaatsbildung
  beteiligt  haben.  Georg  Kunz  hat  in  seiner  Arbeit  gezeigt,  wie  die  von  ihm
bearbeiteten  Geschichtsgesellschaften  alle  ihren  regionalen  Bezugsrahmen  historischer
  Forschungen  in  ein  Skalenkontinuum  von  der  lokalen  bis  zur  nationalen
Ebene  einbetteten.  Lokale,  regionale  und  nationale  Bezugsräume  historischer  Erinnerung
  und  Forschung  wurden  so  alternierend  oder  simultan  zur  Identitätsbildung
herangezogen.  Der  nach  1870/71  entstehende  Nationalstaat  wurde  meist  akzeptiert,
mitunter  entwickelte  sich  sogar  ein  regelrechter  „regionaler  Borrussianismus“17.
Die  Vereinshistoriker  anderer  Geschichtsgesellschaften  haben  hingegen  ausschließlich
  lokale  Identitäten  gepflegt.  Nehmen  wir  als  Beispiel  die  Metropole
Hamburg,  so  ergibt  sich  nämlich  ein  völlig  anderes  Bild.  Nicht  der  Nationalstaat
oder  das  Kaiserhaus  dienten  als  mögliche  Identifizierungsmuster  im  Verein,  sondern
  hier  prägten  noch  immer  die  mittelalterlichen  stadtrepublikanischen  Traditionen
  und  der  Status  Hamburgs  als  Handelsmetropole  das  Bewusstsein  -  und  darüber
wurde  auch  geforscht.  Erst  die  revolutionären  Auseinandersetzungen  von  1848
führten  in  einem  jahrelangen  Ringen  zu  einer  weitergehenden  Veränderung  des
oligarchischen  Regierungssystems,  das  aber  immer  noch  weit  davon  entfernt  war,
demokratisch  zu  sein.  Die  führenden  Patriziergeschlechter  klammerten  sich  so  lange
  wie  möglich  an  ihre  Vormachtstellung  und  gaben  nur  widerwillig  und  schrittweise
  Herrschaftsfunktionen  ab  *.  Der  Geschichtsverein  trug  das  Seinige  dazu  bei,
die  frühneuzeitliche  Verfassung  von  1528  als  die  weiseste  aller  möglichen  politischen
  Ordnungen  zu  präsentieren,  die  ihren  Bürgern  immer  Wohlstand,  Glück  und
Ordnung  gebracht  habe  und  auch  weiterhin  bringen  werde.  Die  ersten  30  Jahre  seiner
  Existenz  prägte  der  Vorsitzende  Johann  Martin  Lappenberg  in  einem  ganz  entscheidenden
  Maße  den  Verein;  und  sein  Geschichts-  und  Politikverständnis  war
dezidiert  konservativ.  Bereits  gut  ein  Jahrzehnt  vor  der  Vereinsgründung  hatte  er
im  Auftrag  des  Rates  eine  Jubiläumsschrift  für  die  Dreihundertjahrfeier  der  bürgerlichen
  Verfassung  Hamburgs  von  1528  geschrieben.  Dieses  Programm  zur  dritten

35  Zitat  aus  einem  Brief  des  Preußischen  Kultusministers  an  den  Vorstand  des  Vereins  vom
25.1.1845,  abgedruckt  in:  John,  150  Jahre  Verein  (wie  Anm.  22),  S.  27.
16  Auch  in  Westfalen  erhoffte  sich  die  Regierung  durch  die  Förderung  antiquarischer  Studien,
  eine  politisch  genehme  Landesgeschichte  zu  erzeugen;  vgl.  Mütter/Meyer,  Geschichtswissenschaft
  (wie  Anm.  9),  S.  62.
Er  konzentriert  sich  in  seiner  Arbeit  auf  die  folgenden  Vereine:  den  Historischen  Verein
von  Oberfranken,  den  Historischen  Verein  von  Bamberg,  den  Verein  für  Thüringische
Geschichte  und  Altertumskunde,  den  Verein  für  die  Geschichte  der  Mark  Brandenburg,
den  Bergischen  Geschichtsverein  und  die  Gesellschaft  für  Schleswig-Holsteinische  Geschichte;
  vgl.  KUNZ,  Verortete  Geschichte  (wie  Anm.  7),  S.  325.
,K  Vgl.  Gerhard  Ahrens,  Von  der  Franzosenzeit  bis  zur  Verabschiedung  der  neuen  Verfassung
  1806-1860,  in:  Hamburg:  Geschichte  der  Stadt  und  ihrer  Bewohner,  2  Bde.,  hg.  von
Werner  Jochmann  und  Hans  Dieter  Loose,  Hamburg  1982,  1.  Bd.,  S.  415-491,  hier  S.
484.

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