Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

ßerte  er  sich  wie  folgt:  Wir  [erachten  G.  C.]  aber  die  Erhaltung  solcher  Denkmale
zur  Belebung  des  Nationalgeistes,  zum  Studium  der  vaterländischen  Geschichte
und  zur  Verbreitung  der  Kunde  derselben  unter  dem  Volke  als  vorzüglich  wichtig
[...J30.  Hohe  Funktionsträger  des  Königreichs  stimmten  da  mit  ihrem  Herrscher
überein,  der  Zweck  der  historischen  Vereine  sollte  nicht  allein  in  Sammlungen  geschichtlicher
  Monumente  bestehen,  sondern  vorrangig  darauf  gerichtet  sein,  Liebe
für  historische  Forschungen  zu  wecken  und  somit  treue  Anhänglichkeit  an  den  vaterländischen
  Boden  zu  erzeugen.  Ohnehin  war  Ludwig  I.  der  Auffassung,  dass  es
kein  kräftigeres  Bindungsmittel  zwischen  Volk  und  Dynastie  gebe,  als  eine  recht
nationale  Geschichte,  die  außerdem  ein  spezifisches  Gegengift  wider  revolutionäre
Neuerungen  und  wider  ungeduldigem  Experimentieren  sei31.  Verwundern  mag  hier
der  Begriff  „national“,  der  nicht  als  Synonym  für  die  Nation  im  heutigen  Verständnis
  zu  interpretieren  ist,  gemeint  ist  die  bayerische  Nation’  2.  Aber  auch  anderenorts
  -  etwa  in  Sachsen  oder  im  Rheinland  -  oszillieren  die  Begriffe  Nation  oder
Vaterland  im  19.  Jahrhundert  zwischen  sehr  enger  städtischer  und  regionaler  Konnotation
  und  der  Nationsidee  beziehungsweise  dem  geeinten  Nationalstaat,  dies
aber  erst  zunehmend  im  ausgehenden  19.  und  beginnenden  20.  Jahrhundert’3.
Selbst  in  Vereinen,  in  denen  die  Monarchen  weniger  programmatisch  und  gezielt
  versuchten,  mittels  Geschichte  Loyalitäten  zu  schaffen,  war  man  gleichfalls
der  Überzeugung,  dass  durch  das  Erinnern  an  Historie  die  Anhänglichkeit  des  Volkes
  an  das  Herrscherhaus  zu  steigern  sei.  Entsprechend  äußerte  sich  Staatsminister
von  Metzsch  in  Dresden,  als  er  die  Glückwünsche  der  königlichen  Regierung  in
Vertretung  des  Prinzen  Johann  anlässlich  der  Jubelfeier  zum  75-jährigen  Vereinsbestehen
  im  Jahr  1900  überbrachte:  [...]  in  Würdigung  und  Erkenntnis  der  tiefen
Wahrheit,  dass  die  Erforschung  der  Geschichte  eines  Volkes  [...]  für  die  Vertiefung
der  Vaterlandsliebe  und  für  die  Befestigung  des  loyalen  Sinnes  im  Volke  einen
mächtigen  Einfluß  zu  üben  wohlgeeignet  ist.  Doch  sogar  Vereine,  die  von  Beamten
  ohne  Einwirken  des  Monarchen  gegründet  worden  waren,  blieben  vor  Versuchen
  staatlicher  Instrumentalisierung  nicht  verschont.  So  ersuchte  etwa  der  preußische
  Innenminister  1845  den  Bonner  Verein  der  Altertumsfreunde  im  Rheinland
nachdrücklich,  [...]  dass  man  in  populär  verfaßten  und  ansprechenden  Schriften
die  Bedeutung  jener  Alterthümer  entwickle  und  dadurch  das  Volk  zur  lebhafteren
Teilnahme  für  sie  gewinne  und  ein  eigentliches  nationales  Interesse  für  sie  hervor-30

  Vgl.  den  Kabinettsbefehl,  abgedruckt  bei  Gertrud  Steuer,  Die  Entwicklung  der  Historischen
  Vereine  in  Bayern  bis  zur  Mitte  des  19.  Jahrhunderts,  München  1963,  S.  82.
31  Ebd.  S.  27.
Zum  Begriff  „bayerische  Nation“  vgl.  Manfred  Hanisch,  Für  Fürst  und  Vaterland:  Legitimitätsstiftung
  in  Bayern  zwischen  Revolution  1848  und  deutscher  Einheit,  München
1991,  S.  20-29.
Zum  Begriff  der  Nation  vgl.  Otto  Dann,  Nation  und  Nationalismus  in  Deutschland  1770-1900,
  München  1993,  S.l  I.
Vgl.  Hubert  Ermisch,  Das  fünfundsiebzigjährige  Jubiläum  des  Königlichen  Sächsischen
Altertumsvereins.  Ein  Erinnerungsblatt,  in:  Neues  Archiv  für  Sächsische  Geschichte  und
Altertumskunde  22  (1901),  S.  1-20,  hier  S.  18.  Eckhart  G.  Franz,  „Im  Verein  pulsiert
das  Leben  ...“.  Vereinsgeschichte  und  Geschichtsvereine  in  Wetzlar,  in:  Mitteilungen
des  Wetzlarer  Geschichtsvereins  43  (2007),  S.  43-56,  hier  S.  49.

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