gen, ein bewusst wahrgenommener Akt, in dem sich soziale Verkehrskreise aufs
Neue bestätigten und festigten. Mit ihren häufigen Feiern folgten die Geschichtsgesellschaften
dann nach der Reichsgründung einem Trend allgemeiner kaiserzeitlicher
Festkultur. Mit dem steigenden Wohlstand hatte sich die Geselligkeit der
deutschen Geschichtsvereine von den Stammtischen des Vormärz hin zu durchdacht
inszenierten Festveranstaltungen mit großem Prunk um 1900 verlagert. Vollversammlungen
und Vereinsausflüge fanden ihren krönenden Abschluss in feierlichen
Festmählern, ln Berlin führte diese ausgeprägte Festkultur sogar zu Unstimmigkeiten
innerhalb des Vereins. Man sah durch die zahlreichen Vereinsfeste und
Wanderfahrten die wissenschaftliche Arbeit bedroht, denn es sei bei den Festen zu
Entgleisungen gekommen. Es ist anzunehmen, dass hier auf einen beträchtlichen
Alkoholkonsum angespielt wird, worüber sich die ebenfalls anwesenden Damen
beklagten. Den monatlichen Zusammenkünften des Vereins wurde vorgeworfen,
dass bei ihnen die Annehmlichkeiten geselligen Zusammenseins die Hauptsache
sei und die Wissenschaft bei ihnen keinen Gewinn erobere26.
Die Mitgliederstrukturen und die Zusammensetzung des Vorstands wirkten sich
ganz entscheidend auf die von ihnen tradierten und präferierten Geschichtsbilder
aus. Das späte 19. Jahrhundert ist mit provokantem Unterton als das Zeitalter der
„Traditionserfindung“ bezeichnet worden"7. Ob und inwiefern ein Geschichtsverein
nationale oder regionale beziehungsweise lokale Traditionen schuf, hing ganz
entscheidend von den jeweiligen Geschichtskonzepten und seinen Beziehungen zu
den regierenden Häusern ab. Die Forschung hat bei ihrer oftmals einseitigen Suche
nach nationalen Identitäten in den letzten Jahren übersehen, dass in der Provinz erhebliche
Gegengewichte aufgebaut wurden und partikulare Geschichtserzählungen
entweder in Ergänzung, aber auch in Konkurrenz zur nationalen Geschichtsschreibung
entstanden sind.
In verschiedenen deutschen Ländern gab es recht unterschiedliche Versuche, die
Geschichtsvereine für die Schaffung patriotischer Haltungen zu instrumentalisieren28
29. Besonders ausgeprägt war dies in Bayern, wo derartige Sozietäten stärker als
anderenorts in die staatsintegrativen Zwecke der bayerischen Kulturpolitik einbezogen
waren"9. Ein flächendeckend über das Land gezogenes Netz von Geschichtsvereinen
wurde in den 30er Jahren eigens mit dem Ziel gegründet, eine bayerische
Nationalität zu schaffen. Ihre regionalen Forschungsgebiete wurden durch die
Kreiseinteilung vorgegeben. Die versuchte Instrumentalisierung der Vereine lässt
sich allein schon an den vorgegebenen Zielsetzungen und Aufgabenfeldem der
Vereinssatzungen festmachen. Ludwig I., geschichtsbewusster Herrscher und Erbauer
der Walhalla - jener im Stil eines griechischen Tempels errichteten Gedenkstätte,
in der Bildnisbüsten berühmter Deutscher ausgestellt wurden sowie der bayerischen
Ruhmeshalle war in einem ganz besonderen Maße an der Schaffung einer
bayerischen Identität für sein erst durch die napoleonischen Umwälzungen wesentlich
vergrößertes Königreich interessiert. In einem Kabinettsbefehl aus dem
Jahr 1827 an das Innenministerium bezüglich des Wertes der Denkmalpflege äu¬26
Zu diesem allgemeinen Trend: Pabst, Historische Vereine (wie Anm. 7), S. 31.
2 The Invention of Tradition, hg. von Eric J. Hobsbwam, Cambridge 1983.
28 Vgl. Winfried Speitkamp, Die Verwaltung der Geschichte. Denkmalpflege und Staat in
Deutschland 1871-1933, Göttingen 1996, S. 114-116.
29 Vgl. Kunz, Verortete Geschichte (wie Anm. 7), S. 78.
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