Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

Diese  Unternehmungen  —  heute  würden  sie  als  Raubgrabungen  eingestuft  -
scheinen  vor  allem  in  der  ersten  Hälfte  des  19,  Jahrhunderts  gang  und  gäbe  gewesen
  zu  sein.  Das  „Grabungsfieber“  trieb  vielerorts  die  seltsamsten  Blüten.  So  verdankte
  man  die  Entdeckung  des  ersten  Stückes  Mörtelmauer  am  rätischen  Limes
der  forschen  Frau  Siebentritt  von  Gundelshalm.  Umwohnende  Bauern  schlossen
sich  bisweilen  spontan  zu  Ausgrabungen  am  Limes  zusammen,  ein  Förster  gründete
  zu  diesem  Zweck  einen  Privatverein,  und  im  Sodental  gehörte  es  zum  Sport  für
die  Badegäste,  ein  Grab  bloß  zu  legen.  Der  Verein  für  die  Geschichte  Berlins  kündigte
  1884  für  einen  der  üblichen  Sommerausflüge  den  Programmpunkt:  Ausgrabung
  eines  Umenfeldes  in  der  Nähe  des  Schlosses  Hubertusstock,  vorbereitet
durch  den  Schlosskastelfan,  an.  Auch  der  Hessische  Verein  beteiligte  sich  an  derartigen
  Aktionen.  Großherzog  Ludwig  III.  finanzierte  für  den  Verein  die  Ausgrabungen
  der  Burgruine  Tannenberg  bei  Jugenheim.  Weiterhin  stritt  sich  der  Darmstädter
  Verein  mit  dem  Oberhessischen  Verein  für  Landesgeschichte  um  die  Grabungsrechte
  an  der  Kapersburg.  Die  Einladungskarte  zum  Ausflug  des  Historischen  Vereins
  zum  Weilerhügel  bildete  gleich  ein  Vereinsmitglied  mit  Spaten  ab,  ein  weiteres
  skizzierte  die  Befunde24.
Im  ausgehenden  19.  Jahrhundert  unternahmen  die  Vereine  dann  kaum  noch
Ausgrabungen,  und  sie  gaben  ihre  Sammlungen  ab.  Zu  dieser  Schwerpunktverlagerung
  kam  es  nicht  zuletzt,  weil  den  Geschichtsvereinen  in  Deutschland  durch  staatliche
  Initiativen  in  den  Bereichen  Denkmalpflege  und  Museumsfinanzierung  wichtige
  Betätigungsfelder  aus  der  Hand  genommen  wurden.  Zudem  waren  ihre  antiquarischen
  Sammlungen  so  groß  geworden,  dass  ihnen  Unterhalt  und  Pflege  über
den  Kopf  wuchs.  Sie  bilden  aber  bis  zum  heutigen  Tag  einen  wichtigen  Bestandteil
bestehender  Sammlungen  in  Museen.  Um  1900  lag  dann  auch  bei  der  Mehrzahl  aller
  Geschichtsvereine  das  Hauptaugenmerk  eindeutig  auf  der  Historiographie.  Hatten
  die  untersuchten  Geschichtsgesellschaften  bei  ihrer  Gründung  verschiedene
Ausgangs-  und  Schwerpunkte,  so  konzentrierten  sie  sich  zu  Beginn  des  20.  Jahrhunderts
  alle  auf  die  Geschichtsschreibung25.
Nun  haben  die  Vereine  aber  nicht  nur  geforscht,  sie  haben  auch  gefeiert.  Die
Mehrzahl  der  deutschen  Geschichtsgesellschaften  bot  ihren  Mitgliedern  zumindest
seit  den  1870er  und  80er  Jahren,  teilweise  schon  früher,  regelmäßige  Vorträge,
Festessen  und  Exkursionen.  Wissenschaftliche  Vorträge  oder  Gespräche  sowie
gemeinsamer  Kunstgenuß  waren,  solange  sie  sich  im  Rahmen  des  Vereins  vollzomisch

  und  celtisch-germanischen  Vorzeit,  soweit  es  thunlich  ist  und  dieselben  dazu  geeignet
  sind,  in  eine  Sammlung  zu  vereinigen,  die  gefundenen  Gegenstände  aller  Art,  sobald
  sie  eine  besonderes  Interesse  bieten,  durch  Beschreibungen  und  Zeichnungen  zu  erläutern,
  durch  planmäßige  geordnete  Ausgrabungen,  Umfang  und  Ausdehung  der  vorhandenen
  Niederlassungen  römischen  und  celtisch-germanischen  Ursprungs  zu  erforschen,
  zufällig  gemachte  Entdeckungen  wahrzunehmen  und  für  den  angegebenen  Zweck
auszubeuten,  um  auf  diese  und  jede  andere  dazu  dienliche  Weise  Materialien  zu  einer
Topographie  und  Geschichte  des  alten  Saarbrückens  und  seiner  Umgebung  vorzubereiten,
  haben  die  Unterzeichneten  einen  Verein  gestiftet.  Die  Statuten  wurden  abgedruckt
in:  Johannes  Kirchmeier,  Die  Satzungen  des  Historischen  Vereins,  in:  Zeitschrift  für  die
Geschichte  der  Saargegend  37  (1989),  S.  22-37,  hier  S.  31-33.
Die  Hessen  und  ihre  Geschichte,  Wege-Weiser  durch  die  hessische  Landes-  und  Regionaigeschichte,
  hg.  von  Bernd  Heidenreich  und  Eckhart  G.  Franz  .  Wiesbaden  1999.
Clemens,  Sanctus  Amor  Patriae  (wie  Anm.  7),  S.  402f.

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