den Menschen. Die Geschichtsvereine bilden in diesem Zusammenhang einen adäquaten
Gegenstand, um wesentliche Elemente des kulturellen Gedächtnisses zu
analysieren. Man trifft dort auf eine Gruppe mit einem ausgeprägten „Wir-Gefühl“,
die mehr oder weniger explizit formulierte Erinnerungsfiguren und Wissensbestände
tradiert und durch Texte in einer von Riten organisierten Bildungseinrichtung
vermittelt*.
Wenden wir uns zunächst den Akteuren zu. Mitglied in diesen Vereinen konnte
nicht jeder werden und auch lange nicht auf eigene Initiative. Zahlreiche Vereine
behielten sich die Kooptation vor oder erschwerten den Zugang durch ausgeklügelte
Aufnahmesysteme, die an Auswahlmechanismen des 18. Jahrhunderts erinnern.
Dabei war es zweitrangig, ob sich die Zahl der ordentlichen Mitglieder auf wenige
Dutzend beschränkte oder sich auf mehrere Hundert erstreckte. Ein kurzer Blick in
die Vereinssatzungen etwa des Historischen Vereins in Münster bezeugt dieses
auffallende Bemühen um Exklusivität4. Aber auch die anderen historischen Gesellschaften
sprachen nur gehobene bürgerliche Kreise und Adlige an. Dass man in
Deutschland auf die Reputation des Vereins und seiner Mitglieder achtete, belegen
unter anderem die überlieferten Vorstandsprotokolle8 10. Zudem waren die Vereinsbeiträge
so hoch, dass sie allein von Angehörigen der Oberschichten aufgebracht
werden konnten. Ein bis vier Taler in Berlin, Köln und Dresden oder gar mehr als
zwei Gulden in Stuttgart jährlich waren für viele Zeitgenossen eine beträchtliche
Summe11. Zu den hohen Mitgliedsbeiträgen kam der finanzielle Aufwand für teure
Abendessen und Ausflüge12. Genauso wirksam, wenn nicht sogar noch effektiver
war aber die Bildungsbarriere. Was in den deutschen Geschichtsvereinen an Vorträgen
und Publikationen angeboten wurde, war ohne eine vorangegangene Ausbildung
auf einem Gymnasium oder vergleichbaren höheren Schulen nicht oder nur in
Teilen zu genießen. Zudem scheinen sich in den Vereinen wiederum jene gesellschaftlichen
Zirkel getroffen zu haben, die sich bereits aus Verwandtschaftskreisen,
der Schule, der Universität sowie aus der beruflichen Sphäre kannten und die -
auch das ist ein nicht zu vernachlässigender Aspekt - sich ebenfalls in anderen karitativen,
geselligen oder weiteren „gelehrten“ Assoziationen trafen. Die Vereine
bewahrten so bis zum Ersten Weltkrieg ihren exklusiven Charakter. Diese Kooptationsverfahren
ermöglichten es der in den Vereinen engagierten Notablengesell-8
Vgl. Jan Assmann, Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität, in: Kultur und Gedächtnis,
hg. von ders. und Tonio Hölscher, Frankfurt am Main 1988, S. 9-17; Aleida
Assmann, Arbeit am nationalen Gedächtnis. Eine kurze Geschichte der deutschen Bildungsidee,
Frankfurt am Main 1991; Erinnerung, Geschichte, Identität. 3, Identitäten, hg.
von dies, und Heidrun Friese, Frankfurt am Main 1998.
9 Vgl. Bernd Mütter und Robert Meyer, Geschichtswissenschaft und historische Bildung.
Zur Entwicklung der Geschichtsvereine in Westfalen während des 19. Jahrhunderts,
in: Westfälische Forschungen 39 (1989), S. 57-82, hier S. 71.
10 Clemens, Sanctus Amor Patriae (wie Anm. 7), S. 31-43.
11 Ebd., auch die Mitgliederbeiträge für die französischen Geschichtsvereine schlossen jeden
Interessierten mit einem bescheideneren Einkommen aus, sie lagen fast nie unter 20
Francs, teilweise sogar bei 50 Frans; vgl. Chaline, Sociétés (wie Anm. 4), S. 177.
12 Zur kulturellen Ausgrenzung aufgrund der hohen finanziellen Belastung durch Beiträge
und Abendveranstaltungen vgl. auch Christoph Popp, Der Mannheimer Altertumsverein
1859-1949. Regionale Forschungen, Sozialstruktur und Geschichtsbild eines Historischen
Vereins, Mannheim 1995, S. 136.
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