Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

an,  so  dass  1840  rund  60  Vereine  existierten4.  Auch  in  Saarbrücken  und  in  der  Umgebung
  fanden  sehr  frühe  Vereinsgründungen  statt.  So  etablierte  der  Landrat  Erasmus
  Theodor  Engelmann  in  St.  Wendel  1836  den  ersten  antiquarischen  Verein,
1839  folgte  der  Historische  Verein  für  die  Saargegend,  dann  jene  in  Birkenfeld
(1843)  und  Ottweiler  (1847)5.  Im  benachbarten  Trier  bestand  seit  1802  die  „Gesellschaft
  für  nützliche  Forschungen“,  die  seit  ihrer  Gründung  auch  geschichtliche  und
archäologische  Arbeitsfelder  pflegte,  sich  aber  erst  im  Laufe  der  Zeit  zu  einem  Geschichtsverein
  im  engeren  Sinn  entwickelte6.  Um  1900  hatte  dann  jede  deutsche
Stadt  mindestens  einen  historischen  Verein7.  -  Im  folgenden  Beitrag  soll  zunächst
gefragt  werden,  welche  Mitglieder  die  Vereine  anzogen,  welche  Aufgaben  sie
übernahmen  und  was  sie  ihren  Mitgliedern  boten.  Danach  ist  zu  erörtern,  welches
Geschichtsverständnis  die  Gesellschaften  prägten  und  welche  Geschichtsbilder
durch  sie  vermittelt  wurden,  und  schließlich  was  wir  über  ihre  Adressaten  und  die
Rezeption  wissen.
Die  Funktionsweisen  kollektiven  Erinnerns,  dessen  Bedeutung  für  die  Konstruktion
  von  Gruppenidentitäten  sowie  die  kulturellen  Formen  des  Bewahrens  und  Tradierens
  von  Erinnerung  gewinnen  in  den  historisch  arbeitenden  Wissenschaften  als
neue  oder  besser  wieder  entdeckte  Fragestellungen  mehr  und  mehr  an  Bedeutung.
Kollektives  Gedächtnis  bildet  sich  im  sozialen  Raum.  Es  wird  in  einem  konkreten
gesellschaftlichen  Umfeld  gedacht,  entwickelt,  formuliert,  rezipiert  beziehungsweise
  popularisiert  und  umgreift  die  gesamte  kulturelle  Existenz  der  darin  leben¬4

  Zur  Entwicklung  der  deutschen  Geschichtsvereine  vgl.  ders.,  Akademien,  gelehrte  Gesellschaften
  und  wissenschaftliche  Vereine  in  Deutschland,  1750-1850,  in:  Sociabilité  et
Société  bourgeoise  en  France,  en  Allemagne  et  en  Suisse,  1750-1850,  hg.  von  Etienne
François,  Paris  1987,  S.  149-166.  Für  England  und  Frankreich  liegen  schon  seit  einigen
Jahren  profunde  Arbeiten  über  die  Entwicklung  der  Geschichtsvereine  vor;  vgl.  Philippa
Levine,  The  Amateur  and  the  Professional.  Antiquarians,  Historians  and  Archaeologists
in  Victorian  England,  1838-1886,  Cambridge  1986;  für  Frankreich  seien  nur  die  umfassenden
  Studien  von  Jean-Pierre  Chaline  genannt:  Sociétés  savantes  et  académies  de
province  en  France  dans  la  première  moitié  du  XIXe  siècle,  in:  Sociabilité  et  Société
bourgeoise  en  France,  en  Allemagne  et  en  Suisse,  1750-1850,  hg.  von  Etienne  François,
Paris  1987,  S.  169-180;  DERS.,  Sociabilité  et  érudition:  les  sociétés  savantes  en  France,
Paris  1995.
5  Alfons  Rolling,  Die  archäologischen  Forschungen,  Funde  und  Sammlungen  des  Vereins,
  in:  Zeitschrift  für  die  Geschichte  der  Saargegend  37  (1989),  S.  37-63,  hier  S.  38f.  Eine
systematische  Analyse  der  regionalen  Geschichtskultur  ist  derzeit  noch  ein  Desiderat.
6  In  einschlägigen  Darstellungen  zum  deutschen  Vereinswesen  wird  die  Gesellschaft  für
nützliche  Forschungen  als  einer  der  ersten  Geschichtsvereine  hervorgehoben,  so  etwa  die
Erwähnung  der  Gesellschaft  in  dem  bis  heute  noch  in  weiten  Teilen  instruktiven  Aufsatz
von  Hermann  Heimpel,  Geschichtsvereine  einst  und  jetzt,  in:  Geschichtswissenschaft
und  Vereinswesen  im  19.  Jahrhundert,  Göttingen  1972,  S.  45-74,  hier  S.  48;  zur  Trierer
Gesellschaft  vgl.  ferner  Gabriele  B.  Clemens,  Von  der  französischen  Provinzakademie
zum  deutschen  Geschichtsverein,  Die  Gesellschaft  für  nützliche  Forschungen  im  überregionalen
  Vergleich,  in:  Kurtrierisches  Jahrbuch  40  (2000),  S.  391-409.
Klaus  Pabst,  Historische  Vereine  und  Kommissionen  in  Deutschland  bis  1914,  in:  Vereinswesen
  und  Geschichtspflege  in  den  böhmischen  Ländern,  hg.  von  Ferdinand  Seibt,
München  1986,  S.  13-39;  Georg  Kunz,  Verortete  Geschichte.  Regionales  Geschichtsbewusstsein
  in  den  deutschen  Historischen  Vereinen  des  19.  Jahrhunderts,  Göttingen  2000;
Gabriele  B.  Clemens,  Sanctus  Amor  Patriae.  Eine  vergleichende  Studie  zu  deutschen
und  italienischen  Geschichtsvereinen  im  19.  Jahrhundert,  Tübingen  2004.
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