Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

kann  nachvollziehen,  dass  diese  Frau  im  Gefängnis  verzweifelte.  Von  den  missgünstigen
  Bewohnern  Hagenaus  konnte  sie  sich  keine  Unterstützung  erhoffen,  und
auch  ihr  Mann  hatte  ihr  keine  Hilfe  zukommen  lassen,  sondern  im  Gegenteil
versucht,  möglichst  viel  von  Bärbels  Wertsachen  in  Sicherheit  zu  bringen75.  Wie
genau  Bärbel  gestorben  sein  soll,  nämlich  dass  sie  sich  in  solicher  gefencknuß  erhennckt
  hat,  berichtet  ein  Brief  Kaiser  Friedrichs  III.  vom  August  1484,  in  dem  er
Hab  und  Gut  der  Selbstmörderin  von  der  Stadt  Hagenau  als  dem  Reich  verfallen
einfordert76 *.
4. Rezeption
Schon  früh  nach  dem  Tod  der  Bärbel  von  Ottenheim  und  des  Grafen  Jakob  im  Bart
rankten  sich  Geschichten  um  das  seltsame  Paar.  Bernhard  Hertzog  hielt  etwa  hundert
  Jahre  nach  dem  Geschehen  nicht  nur  die  Ereignisse  fest,  sondern  verlieh  mit
einem  für  die  Zeit  üblichen  Spottvers  dem  Volksmund  Stimme,  dem  noch  die
angeblichen  Greueltaten  der  stolzen  Frau  gegenüber  den  Untertanen  im  Gedächtnis
geblieben  waren:  ein  hur  auf  einem  schloß,  ein  bettler  auf  einem  roß,  ein  laus  in
einem  grind,  nicht  findt  sich  stolzers  gesind11.
Auch  in  die  lokale  Sagenwelt  fand  die  Geschichte  der  „schönen  Bärbel  von
Ottenheim“  Eingang.  Im  Eisass  erzählt  man  sich  allerdings  bis  heute,  Jakob  habe
Bärbel  geheiratet  und  nach  seinem  Tod  sei  die  unstandesgemäße  Ehefrau  den  Verleumdungen
  der  adligen  Verwandten,  die  um  ihr  Erbe  fürchteten,  zum  Opfer  gefallen
  und  als  Hexe  auf  dem  Bastberg  verbrannt  worden78.
Der  niederländische  Bildhauer  Niclaus  van  Leyden,  der  zwischen  1463  und
1467  in  Straßburg  wirkte  und  für  die  Stadt  das  Portal  ihrer  Kanzlei  mit  zahlreichen
Skulpturen  ausstatten  sollte,  schuf  unter  anderem  für  diesen  Auftrag  die  Büsten
eines  Mannes  und  einer  Frau,  die  scheinbar  wie  aus  einem  Fenster  gelehnt  in  gegenseitiger
  Betrachtung  versunken  sind.  Beim  Brand  der  Kanzlei  im  Jahre  1686
wurden  die  Skulpturen  schwer  beschädigt  Die  Originalfragmente  sowie  Kopien
von  1860,  kann  man  im  Musee  de  l’Oeuvre  de  Notre  Dame  in  Straßburg  betrachten.
  Viele  sahen  darin  eine  Abbildung  des  Grafen  Jakob  im  Bart  und  seiner  schönen
  Bärbel,  aber  eine  andere  kunsthistorische  Deutung  macht  aus  dem  Paar  einen
Propheten  und  eine  Sibylle79.
1966  verarbeitete  Hermine  Maierheuser  den  Stoff  in  ihrem  Roman  „Bärbel  von
Ottenheim“.  Ihre  Bärbel  ist  stolz,  spöttisch,  leidenschaftlich  und  ehrgeizig.  Am  Ende
erkennt  sie  ihre  Schuld,  bittet  um  Vergebung  für  ihre  Liebe  zu  Jakob  und  für  ihr  hartes

Lempfrid,  Bärbel  (wie  Anm.  3),  S.  67.
76  Battenberg/Metz,  Lichtenberger  Urkunden  (wie  Anm.  7),  Nr.  4940.
Hertzog,  Chronikon  (wie  Anm.  31),  Fünftes  Buch,  S.  32.
78  Eyer,  Sage  und  Geschichte  (wie  Anm.  1),  S.  31  f.  sowie  mündlich  tradiert,  unveröffentlicht,
  von  M.  Robert  Weibel,  Straßburg.  Obwohl  wie  oben  beschrieben  aus  den  Quellen
nicht  nachvollziehbar  ist,  welchen  Verbrechens  Bärbel  angeklagt  war,  ist  sie  in  der
neuesten  Untersuchung  zur  Hexenverfolgung  im  Eisass  als  Betroffene  aufgenommen.
Allerdings  vermerkt  der  Autor  ihren  Selbstmord  im  Gefängnis:  Roehrig,  Jaques:  L'holocauste
  des  sorcières  d'Alsace.  Un  effroyable  massacre  au  coeur  de  l'Europe  humaniste,
Straßburg  2011,  S.  238.
79  Heike  Ebli,  Niclaus  van  Leyden,  in:  Biographisch-Bibliographisches  Kirchenlexikon,
Bd,  XVIII,  2001,  Sp.  1057-1071.
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