Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

jeden  Fall  weiterer  vollständig  analysierter  Fundkomplexe,  deren  Gefäße  nach
Funktionstypen  quantitativ  ausgewertet  werden  sollten.  Dieser  Ansatz  wurde
bereits  bei  der  Auswertung  der  Keramik  aus  dem  spätmittelalterlichen  Kreuzgangbereich
  der  Stiftskirche  St.  Arnual  verfolgt’7.  Für  den  Kreuzgangsüdflügel,  der  am
besten  auszuwerten  war,  ergab  die  exemplarische  Analyse  der  keramischen  Funktionstypen
  einen  Anteil  von  circa  10  %  Krügen  aus  grauer  Irdenware  in  einer
Gesamtheit  von  mindestens  118  Gefäßen.  Allerdings  wurden  dort  die  Fragmente
von  lediglich  zwei  oder  drei  Krügen  aus  glasierter,  reich  verzierter  Irdenware
gefunden.  Das  bedeutet  demnach  bei  vorsichtiger  Schätzung  ein  Verhältnis  von
maximal  drei  glasierten,  reich  verzierten  zu  zehn  bis  zwölf  schlichten,  grau  gebrannten
  Krügen  im  südlichen  Kreuzgangbereich  St.  Arnual.
Anders  sieht  es  in  dieser  Beziehung  auf  Burg  Kirkel  aus,  wo  das  recht  umfangreiche
  keramische  Fundgut  der  bisher  untersuchten  Bereiche  derzeit  zeichnerisch
  erfasst  wird.  Eine  eingehende  typologische  und  quantitative  Auswertung  kann
erst  nach  dieser  Materialaufnahme  erfolgen,  sofern  sie  nicht  klar  differenzierbare
und  mengenmäßig  rasch  überschaubare  Gruppen  wie  die  hier  vorgestellte  glasierte
Irdenware  betreffen.  Es  können  aus  diesem  Grund  noch  keine  konkreten  Angaben
zu  Menge  und  Funktionstypen  der  Gefäße  gemacht  werden.  Jedoch  scheint  der
Anteil  an  Krügen  der  glasierten,  reich  verzierten  Irdenware,  die  sich  in  den  Kulturschichten
  der  Oberburg  und  somit  des  Burgherrenhaushalts  befunden  hatten,  im
Verhältnis  zu  Krügen  aus  grauer  Irdenware  wesentlich  höher  zu  sein  als  in
Kreuzgang  von  St.  Arnual.  Bei  aller  Vorsicht  hinsichtlich  der  Interpretation  der  St.
Arnualer  Befunde  -  man  kann  die  Herkunft  der  dort  deponierten  Abfalle  nicht  so
gut  eingrenzen  wie  auf  Burg  Kirkel  -  scheint  es  doch  ein  eindeutiges  Indiz  zu  sein,
dass  man  auf  der  Burg  großen  Wert  auf  prestigeträchtiges  Schankgeschirr  auf  der
Tafel  des  Burgherrn  legte.  Es  dürften  nach  flüchtiger  Sichtung  der  konstruktiv
auswertbaren  Fragmente  an  Rändern,  Böden  und  Henkeln  der  spätmittelalterlichen
grauen  Irdenware  auf  Burg  Kirkel  eventuell  sogar  weniger  Krüge  aus  grauer
Irdenware  denn  aus  glasierter,  reich  verzierter  Irdenware  vorhanden  sein.  Dies
könnte  das  gleiche  ausgeprägte  Repräsentationsbedürfnis  auf  Burg  Kirkel  widerspiegeln,
  wie  es  sich  auch  in  der  materiellen  Kultur  anderer  erforschter  Burgen  im
archäologischen  Kontext  manifestierte’8.  Ein  ähnliches  Bild  wie  Kirkel  bietet  der
Fundkomplex  der  Gefäßkeramik  des  in  Pompey  in  der  Nähe  von  Nancy  gelegenen
Château  de  l'Avant-Garde,  bei  dem  eine  verhältnismäßig  hohe  Anzahl  an  glasierten,
  reich  verzierten  Krügen  den  einfachen  Krügen  gegenüber  zu  stehen  scheint  ’9.

3  Bernard,  Keramik  St.  Arnual  (wie  Anm.  1  ),  S.  384-388.
38  Norbert  GoßLER,  Materielle  Kultur  und  soziale  Differenz.  Beobachtungen  am  archäologischen
  Fundstoff  aus  mittelalterlichen  Burgen,  in:  Archäologie  mittelalterlicher  Burgen,
  Mitteilungen  der  Deutschen  Gesellschaft  für  Archäologie  des  Mittelalters  und  der
Neuzeit  20  (2008),  S.  37-43.
Das  Château  de  l'Avant-Garde  ist  leider  unfachmännisch  ausgegraben  worden,  so  dass
man  keine  Sicherheit  darüber  hat,  ob  alle  Funde  zuverlässig  und  ohne  vorherige  Auslese
aufgehoben  wurden.  Dennoch  scheint  mir  die  Zahl  von  fünfzehn  identifizierten  Gefäßen
innerhalb  des  Fundkomplexes  signifikant:  Agnieszka  KoziOL,  La  céramique  commune,
S.  116,  125-127,  153-155,  168.
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