Gänzlich davon zu unterscheiden sind die Randscherben (Taf. 5.1, S. 305) eines
Kruges aus dunkelgrauer, dunkelbraun glasierter Irdenware mit einem Dekor aus
eingeritzten Schuppen. Da auch der Boden dieses Kruges erhalten ist (Taf. 5.2,
S. 305), lässt sich abschätzen, dass das Gefäß wohl geringfügig größer als der
weitgehend erhaltene Krug (Taf. 1.2, S. 301) war. Der Scherben weist sehr geringe
sichtbare Magerung in Form von weißem, 0,3-0,6 mm starkem Quarz auf, jedoch
einen starken Anteil an sehr feinem weißem Quarz von weniger als 0,1 mm
Körnung.
Und zuletzt sei noch das Fragment eines Kruges vorgestellt (Taf. 5.3, S. 305 und
Abb. 9, S. 300), dessen Oberteil plastisch als Kopf eines bartlosen Mannes mit
kräftigem Kinn und kinnlanger „Span“-Frisur ausgeformt war. Es wurde zwar fast
das ganze Gesicht aufgefunden, leider jedoch blieb seine Nase bis heute unentdeckt.
Erhalten sind außer zwei Dritteln des Gefäßhalses auch der Schulteransatz
mit der geritzten Andeutung von Gewandfalten sowie der untere Ansatz eines massiven
Henkels. Der obere Henkelansatz befand sich wahrscheinlich direkt an der
rückwärtigen Seite der Mündung. Der Gefäßkörper dürfte kugelig gewesen sein.
Der Krug bestand aus zunächst reduzierend und abschließend oxidierend gebrannter
Irdenware. Im Bruch erkennt man den dunkelgrauen, zu den Außenflächen
dunkelbraunen Scherben. Er ist klingend hart gebrannt, hat ebenso wie das
schuppenverzierte Gefäß einen mittelstarken Magerungsanteil von weißem, mit
weniger als 0,1 mm Korngröße sehr feinem Quarz und einen geringen Magerungsanteil
an runden Quarzpartikeln bis 0,6 mm. Bislang blieb die Recherche zur
Herkunft dieses besonders ausgeformten Gefäßes ergebnislos. Das Krugfragment
ist außen und auf der Innenseite des Halses dunkelbraun glasiert. Der dunkelbraun
brennende Scherben könnte aus der Normandie stammen, wo man noch heute
dunkelbraune unglasierte Keramik herstellt.
Zusammenfassung und Überlegungen für künftige Forschungsansätze
Kostbare Schankgefäße aus glasierter, reich verzierter Irdenware kamen ab der
Mitte des 12. Jahrhunderts auf, verbreiteten sich rasch und waren im 13. und 14.
Jahrhundert an den Küsten rund um die südliche Nordsee verbreitet. Auf dem
Kontinent sind insbesondere neben Fundobjekten aus Töpferzentren in den großen
Städten Kronflanderns wie Douai, Gent und Brügge auch aus der Normandie,
Picardie, Ile-de-France und der Champagne archäologische Funde dieses prestigeträchtigen
Geschirrs bekannt. Im Herzogtum Lothringen bestand ebenfalls Nachfrage
nach dieser Ware, und sie wurde folglich auch dort produziert. Dass sich
gerade in Lothringen mit seinen teilweise romanischen, teilweise germanischen
Traditionen eine Schnittmenge kultureller Einflüsse aus verschiedenen europäischen
Richtungen herausbildete, wird an Relikten der Sachkultur des späten Mittelalters
deutlich35. Dort nahm man Sitten und damit verbundene materielle Kul-35
Ein weiteres Beispiel für diese Durchmischung von Einflüssen aus Ost und West bietet
die Verwendung des Kachelofens: Die Heizung mittels Kachelofen ist eine Errungenschaft
aus dem süddeutschen Raum. Sie verbreitete sich ab dem Hochmittelalter im
Wesentlichen über den südlichen Bereich des Deutschen Reiches hinaus bis nach Lothringen,
dort jedoch kaum bis über die Mosel hinweg. Im französischen Kulturraum be-120