Full text: Zwischen Herrschaft und Kunst

Alle diese Handschriften sind mit Illustrationen ausgestattet, die Anregungen der neue¬ 
sten französischen Hofkunst verarbeiten. Doch werden die dort meist in akribischer und 
auch materiell äußerst anspruchsvoller Deckfarbenmalerei ausgeführten Buchmalereien 
auf die für die spätmittelalterliche deutsche Handschriftenillustration traditionelle kolo¬ 
rierte Federzeichnung appliziert, der hohe Repräsentationsanspruch der Vorbilder also auf 
ein bescheideneres, ja bisweilen biederes Stilniveau ,heruntergefahren4, das jedoch noch 
immer das Anspruchsniveau der Quelle erkennen lässt. Zudem betonen die Illustrationen, 
etwa in der Ausstattung der Innenräume oder der Kleidung der Protagonisten, aber auch 
auf der ikonographischen Ebene durch die Auswahl zeremonieller Handlungen und ritua¬ 
lisierter Begegnungen die Oberflächenphänomene höfischer Formen. Dies trifft sich 
weitgehend mit dem programmatischen Appellcharakter der in dieser Sammlung vertrete¬ 
nen Texte. Auffällig ist nämlich bei dieser immerhin für eine Adelsbibliothek in Auftrag 
gegebenen Zusammenstellung der Akzent auf Texten, die gewissermaßen nostalgisch die 
eigene verklärte Vergangenheit des Adels nacherzählen, andererseits aber in der so genann¬ 
ten ,Volksbuch£-Tradition - auch im Druck - einem neuen Publikum in einer Art „Erfül¬ 
lung eines sozialen Ergänzungsbedürfnisses [...] Einblick in eine ihm vermeintlich ver¬ 
schlossene, längst nicht mehr existente Welt hochadeliger Lebensformen und Wertvorstel¬ 
lungen446 gewähren, etwa mit Elisabeths Herpin, durch dessen ,moderne4 Form des Prosa¬ 
romans noch immer die archaischen Verhaltensweisen des Adels hindurchschimmern. 
5. Kunst als Zitat: Höfische Luxusobjekte im Gebrauch adeliger Damen 
Möglicherweise trifft diese Feststellung auch auf einige derjenigen Objekte zu, die im Fol¬ 
genden zur Diskussion stehen. Die Wechselwirkung zwischen den Medien Bildkunst und 
Literatur fand während des Mittelalters nicht nur im Bereich illustrierter Handschriften 
statt. Zahlreiche Kunstobjekte — Wandfresken, Elfenbeinschnitzereien, Steinskulpturen, 
Emailarbeiten, Textilien, die zuweilen auch in klösterlichen Werkstätten hergestellt wur¬ 
den — transportieren Szenenfolgen oder Einzelszenen, die auf einen mündlich oder als li¬ 
terarischer Text tradierten Erzählstoff rekurrieren, andere Werkstücke enthalten Motive, 
die durchaus der Iiteratur entnommen sein können, ihrer Allgemeinheit wegen sich je¬ 
doch nicht auf konkrete Texte beziehen lassen: höfische Jagd, Turnier, Schachspiel, Min¬ 
nepaare etwa. Ein Großteil dieser Bildmotive schmückt Gegenstände, die eindeuüg zum 
Gebrauch durch adelige oder patrizische Damen bestimmt waren: Schmuckkästchen, 
Spiegelkapseln, Etuis für Schreibtäfelchen, Kämme, allesamt Gegenstände höfischen Lu¬ 
xus-Gebrauchs, die, wie bezeugt ist, mitunter von ihren Besitzerinnen auch beim Eintritt 
in ein Kloster mitgenommen wurden und dort weiter Verwendung fanden. So ist etwa auf 
der Vorderseite eines lederbezogenen flandrischen Kästchens, um 1400, ein Paar unter ei¬ 
nem Baum und ein sich küssendes Iiebespaar dargestellt.67 68 Ein Paar beim Schachspiel 
67 Ebd.,S. 183. 
68 London, The British Museum. Siehe dazu Camille, Michael: The Medieval Art ofiLove. Objects and Subjects of 
Desire, London 1998, S. 97 mit Abb. 82. Siehe zu diesen Objekten auch Müller, Markus: Minnebilder. Fran¬ 
zösische' Minnedarstellungen des 13. und 14. Jahrhunderts (Pictura et Posesis 7), Köln / Weimar / W ien 1996; 
Glanz, Katharina A.: De arte honeste amandi. Studien pur Ikonographie der höfischen Liebe (Europäische Hoch¬ 
schulschriften, Reihe 28: Kunstgeschichte 414), Frankfurt am Main u.a. 2005. 
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