Full text: Zwischen Herrschaft und Kunst

Manche dieser von Nonnen produzierten Illustrationen weisen über das bloße Ab- 
Bilden hinaus auf die körpergebundenen Praktiken der Andacht. Ein reich illustriertes 
rheinisches Gebetbuch der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts aus der Donaueschinger 
Bibliothek" zeigt auf Bl. 74' den im Gestus der prostratio im Garten betenden Christus im 
Kreise der Jünger. Eine kleine weibliche Figur mit geöffneten Augen, direkt rechts neben 
Christus, dargestellt als anima, als minnende sele, imitiert Jesu Gebetshaltung. Christi Gebet 
in Gethsemane und die dabei praktizierten Körperhaltungen haben Vorbildcharakter für 
die Nonnen. Die Rekluse Dorothea von Montau (1347-1394), hat, wie ihr Spiritual Johann 
Marienwerder dokumentiert hat, bei ihrer Meditation entlang der Stationen der Passion 
Christi auf jeder Meditationsstufe ihre Identifikation mit Christus körperlich ausge¬ 
drückt , 1 was Richard Kickhefer veranlasste, von „a kind of Christian yoga“"" zu sprechen. 
Die Kreuzigung imitierend, stand sie für Stunden mit ausgebreiteten Armen. Das dreifa¬ 
che Gebet Christi in Gethsemane stellte sie ebenfalls körperlich nach: 
Unde in memoriam trine oracionis Domini Ihesu in monte Oliveti tres solebat exercere venias. 
Primam fecit geniculando manus extendens crucifixe, et hec vocabatur ab ea genuum venia. Secundam 
fecit geniculando manibus coniunctus et in celum erectis, sicut salvator depingitur orans in monte 
Oliveti. Terciam lecit procidendo in faciem manibus extensis in modum crucis, et hec nominabatur ab 
ea venia crucis53 56 58, 
berichtet Johannes Marienwerder. Vermittelt ist diese körperliche imitatio Christi interes¬ 
santerweise über das Bildmedium: Dorothea betet mit zum Himmel erhobenen Händen, 
sicut salvator depingitur orans in monte Oliveti — wie der Erlöser gemalt ist, als er am Olberg be¬ 
tet. Schon der New Yorker Cursus Sanctae Mariae widmet auf Bl. 22' drei separate Szenen 
in der unteren Bildzeile dem betenden Jesus: kniend mit erhobenen Händen, in der prostra¬ 
tio und stehend. Die deutschen Inschriften wiederholen diese Dreiphasigkeit: Hie sprichet er 
sin gehet gu sinem vater. Vnd hie ander meide. l'nd hie criste stunt. 
Texte und Bilder der Gebetbücher sind gleichermaßen Vermittlungsinstanzen der An¬ 
dachtspraxis und generieren, vor allen in den Nonnenhandschriften, die körperliche imita¬ 
tio wie zugleich das in der mystischen Praxis nach-empfundene körperliche Mit-Leiden. 
Ein Gebetbuch aus dem Oberrheingebiet,"" von Nonnen aus St. Nikolaus in undis in 
Straßburg um 1450 zusammengestellt, bezieht auf Bl. 2' das Gebet am Olberg unmittelbar 
auf die mit-leidende und mit-erlebende anima, deren Körperhaltung und Gebetsgesten de¬ 
nen Christi spiegelbildlich entsprechen. Der Blutregen seines lächelnden Gesichts trifft die 
minnende sele (Abb. 14), den Text eines Gebets aus einem Andachtsbuch für die Dominika¬ 
nerinnen von Oetenbach bei Zürich von 1436 unmittelbar materialisierend: 
O milter herre Jesu Criste, als du an dem Öliberg für mich und alle menschen in der groesten not, in 
dinen andechtigen gebette bluetigen sweis hett geswitzet, der ängste und note erman ich dich herre 
53 Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Donaueschingen 437, 74r. Siehe dazu Hamburger: Nuns (wie 
Anm. 50), S. 92f. 
:i4 Hamburger: Nuns (wie Anm. 50), S. 90f. 
Kieckhefer, Richard: Unquiet Souls: Fourteenth-Century Saints and Their Religious Milieu, Chicago 1984, S. IE. 
56 Vita Dorotheae MontoviensisMagistri Johannis Marienwerder (Forschungen und Quellen zur Kirchen- und Kul¬ 
turgeschichte Ostdeutschlands 1). H. Westphal / A. Triller (Hg.), Köln / Graz 1964, S. 69. 
5 New York, The Morgan Library and Museum, MS M. 739. 
58 Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin, Ms. germ. oct. 53. 
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