Full text: Zwischen Herrschaft und Kunst

Künstlerinnen bei der Gestaltung der Teppiche richteten, entscheidend gilt, dass sie unbe¬ 
sorgt um Kritik ihrer Oberinnen, wenn es denn eine solche gab, ein zentrales weltliches iko- 
nographisches Programm benutzten und somit indirekt an dem heftigen öffentlichen Diskurs 
um das Liebesthema in der Tristan-XS)ichtung teilnahmen, auf jeden Fall aber mit einem der 
wichtigsten Werke bzw. allgemeinen Themen der höfischen Kultur vertraut waren und dieses 
auf selbständige Weise und mittels ihrer eigenständigen Medien neu zum Leben bringen 
konnten.64 
Berücksichtigen wir kurz „Asellus in de mola“ (Nr. 19 bzw. Nr. 7), erhellt rasch, wie wenig 
die Vorstellung vom Kloster als ein rein asketischer Raum ohne Luft zum freien Atmen 
zweckdienlich für die kulturhistorische Betrachtung bisher gewesen ist und uns insbesondere 
davon abhält, den wahrhaften Beitrag von Frauen zur mittelalterlichen Literatur- und Kunst¬ 
produktion zu erkennen. Das 1 ied ironisiert das Schulwesen und macht sich über lernwidrige 
Schülerinnen lustig, die als Esel evoziert werden, wie unter anderem die zweite Strophe zu il¬ 
lustrieren vermag: 
(2) Kum kum esele stum, 
kum kum, esel stum, 
sprick latin, du bist nicht dum; 
vis saccos oblivisci; 
,Ach ach, gut gemach 
ach ach, gut gemach 
wol ick wünschen al den dag 
si possem adipisci.‘65 
Auch die letzte Strophe sei hier zitiert, weil sie so eindringlich den Humor zum Ausdruck 
bringt, der das ganze Lied durchdringt und damit die Hinwendung der Dichterin bzw. Kopi¬ 
stin zur Literatur außerhalb des Klosters andeutet: 
Hamburg 1955, S. 30f; Ricklefs, Jürgen: „Der Tristanroman der niedersächsischen und mitteldeutschen 
Tristanteppiche“, in: Jahrbuch des Vemnsfür niederdeutsche Sprachforschung 86 (1963) S. 33-48; Fouqet, Doris: Wort 
und IM Id in der mittelalterlichen Tristantradition. Der älteste 'Tristanteppich von Kloster Wienhausen und die textile Trista¬ 
nüberlieferung des Mittelalters (Philologische Studien und Quellen 62), Berlin 1971, S. 31 ff.; zuletzt Deighton, 
Alan: „Visual Representations of the Tristan Legend and Their Written Sources: a Re-Evaluation“, in: Trista- 
nia XX (2000) S. 59-92. 
64 Parallel dazu wären auch andere, zeitgenössische großformatige Teppiche, die in süddeutschen Frauenklös¬ 
tern wie St. Katharina in Nürnberg entstanden sind, zu berücksichtigen, insoweit sie einerseits die große 
Kunstbeflissenheit der Nonnen reflektieren, andererseits die machtpolitische Stellung der Klöster auf Grund 
ihrer engen Beziehung zu Bischöfen und führenden Stifterfamilien belegen. Ein gutes Beispiel dafür bieten 
die Walburga-Teppiche im Kloster St. Walburga in Eichstätt; vgl. dazu Zander-Seidel,Jutta: „Zur kunsthisto¬ 
rischen Bedeutung der Walburga-Teppiche“, in: Domschatg- und Diözesanmuseum Eichstätt: Die Walburga Teppiche 
(KulturStiftung der Länder - Patrimonia 199), Eichstätt 2004, S. 14-20; vgl. dazu Braun, Emanuel: „Die 
Eichstätter Walburga-Teppiche“, in: Emanuel Braun (Hg.): Heilige Walburga hilft aus aller Kot. Zeugnisse ihrer 
Verehrung und Verklärung. Ausstellungskatalog, Eichstätt 2000, S. 121-131. 
65 Zitiert nach: Gassen (wie Anm. 7, ,Mein Seelfang an gu singen ), S. 42. 
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