Full text: Zwischen Herrschaft und Kunst

spielt für uns hingegen die Tatsache eine große Rolle, dass auch einige weltliche Lieder und 
deren Melodien hier Eingang gefunden haben. Mit „Der kuckuk und de reygere“ liegt uns die 
älteste Fassung dieses seit dem Spätmittelalter beliebten Volksliedes vor, das wir heute noch 
unter dem Titel „Die Vogelhochzeit“ kennen.59 Hinter dem Lied „De engel van dem hym- 
mel“ (Nr. 44) verbirgt sich eine niederdeutsche Variante der Ballade von Landgraf Ludwig 
und den Wundern, die die Heilige Elisabeth bewirkte. Als faszinierendes Phänomen ist auch 
festzuhalten, dass die musikalische Fassung von „ln tvden van den iaren“ (Nr. 21), die vom 
so genannten Breslauer Judenfrevel handelt, von der Melodie her gesehen in enger Anleh¬ 
nung an diejenige des Jüngeren Hildebrandslied gestaltet wurde.60 Um weltliche Lieder handelt es 
sich auch bei „Asella in de mola“ (Nr. 19) und „Flevit lepus parvulus“ (Nr. 60). Wenn auch 
nur noch als Fragment übrig geblieben, beweist doch sogar die allein erhaltene Endstrophe 
der Ballade auf Cord Krümelin (Nr. 39), wie sehr diese Nonnen mit der weltlichen Dicht¬ 
kunst außerhalb des Klosters vertraut waren und diese relativ unbekümmert in ihre eigene re¬ 
ligiöse Welt einbezogen, was freilich unter Umständen zu Konflikten mit der Äbtissin führte, 
wie der berühmte Schatz an Devotionalien unter dem Fußboden in Wienhausen zu erkennen 
gibt, der vor der heftigen Reformatorin versteckt werden sollte. Wie Ida-Christine Riggert 
hervorhebt, 
[d]iese Texte zeigen, daß das Leben in den Lüneburger Frauenklöstern durchaus nicht so düster nur auf 
das Jenseits bezogen war, wie es sich viele heutige Besucher der Häuser, vor allem diejenigen, die der 
evangelischen Konfession angehören, vorstellen. Die Liederzeigen, daß die Nonnen der Heidekonvente 
auch nach Ablegung der Gelübde protanes Denken und weltliche Lebensfreude nicht völlig unterdrück¬ 
ten.61 
Auf der anderen Seite machen sich deutlich mystische Vorstellungen und Inspirationen 
bemerkbar, womit dieses Liederbuch gewissermaßen im Brennpunkt von orthodoxer Kir¬ 
chenlehre, weldicher Unterhaltungsdichtung und individueller religiöser Visionserfahrung 
stand und die Berührungspunkte von weltlicher Kunst und klösterlicher Praxis in sich fasste.62 
Berücksichtigt man außerdem noch die berühmten Tristan-Teppiche, die ebenfalls im Klo¬ 
ster Wienhausen geschaffen wurden und die aufgrund ihrer Ikonographie außerordentliche 
Beweiskraft für die idiosynkrausche Zwitterstellung des Klosters sowohl als abgeschlossene 
und nach innen gekehrte religiöse Institution wie auch als Rezeptionsorgan für weltliche In¬ 
teressen dienen können, verstärkt sich dieser Eindruck. Diese großformatigen und geradezu 
als gewaltig zu bezeichnenden Kunstwerke überragten das Fassungsvermögen der Wände 
und dürften wohl als Bodenbelag gedient haben, wenn sie im Chor zu repräsentativen Zwek- 
ken eingesetzt wurden.63 Ganz gleich, nach welcher literarischen Quelle sich die Webe- 
39 Götze, Alfred (Hg.): Die älteste deutsche Logelhochgeit, Zwickau 1912. 
60 Gassen, Albrecht: „The Jüngeres Hildebrandslied in Its Earlv Modern Printed Versions: A Contribution to Fifte¬ 
enth- and Sixteenth-Century Reception History“, in: journal of English and Germanic Philology 95, 3 (1996) 
S. 359-381; zur Einbindung dieser Ballade in die Dietrichepik siehe Heinzle, Joachim: Einführung in die mittel¬ 
hochdeutsche Dieirichepik, Berlin / New York 1999, S. 51-53. 
61 Riggert: Die Lüneburger Frauenklöster (wie Anm. 53), S. 275. 
62 Sroka, Anja: „Mystik im Lied. Rezeption mystischer Traditionen im Wienhäuser Liederbuch“, in: Jahrbuch der 
Oswald von Wolkenstein Gesellschaft 10 (1998) S. 383-394. 
63 Schuette, Marie: Gestickte Bildteppiche und Decken des Mittelalters, 2 Bde., Bd. 1: Die Klöster Wienhausen und Lüne, 
das Lüneburgische Museum, Leipzig 1927, S. 30; Appuhn, Horst: Kloster Wienhausen. Einführung und Beschreibung, 
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