Full text: Zwischen Herrschaft und Kunst

se sollen uns hier nicht so sehr interessieren, denn bei diesen Anthologien handelte es sich 
vorwiegend um eine Art der mystischen Selbstdarstellung oder Performanz der einzelnen 
Schreiberinnen/Auto rinnen, ohne dass durch diese Werke die kulturhistorische Stellung von 
Frauenklöstern klar genug vor Augen treten würde. Immerhin dienen sie trotz allem außeror¬ 
dentlich gut als Beleg für die These, dass diese südwestdeutschen Klöster als wichtige Zen¬ 
tren für die Literaturproduktion dienten, die anschließend auf die Außenwelt, zumindest auf 
andere Klöster auszustrahlen vermochte. 
Bereits 1914 hatte Anton Hauber auf dieses Phänomen hingewiesen und war zu dem fol¬ 
genden Eindruck gelangt: „Kommt in den früheren Jahrhunderten das Schreiben in Frauen¬ 
klöstern mehr gelegentlich und sporadisch vor, so begegnen uns später da und dort förmliche 
Schreibschulen und -Stuben; die Frauen gingen mehr als einmal, von materieller Not getrie¬ 
ben, systematisch ans Abschreiben.“* 23 Unsere Kenntnis etwa über den Aufgabenbereich ei¬ 
ner Buchmeisterin, sprich Bibliothekarin, indiziert, wie umfangreich manche Büchersamm¬ 
lungen auch in Frauenklöstern gewesen sein müssen, denn andernfalls wäre die Ernennung 
einer solchen Person kaum nötig gewesen. Leider liegen uns keine umlassenden Bücherlisten 
vor und sind im Laufe der Zeit viele der Bibliotheken vernichtet worden, aber wir können 
aus den verschiedensten Kommentaren schließen, dass die Büchersammlungen in den Non¬ 
nenklöstern durchaus beträchtlich gewesen sein müssen.24 Zu diesen gehörten St. Katharina 
in Nürnberg, St. Katharina in St. Gallen, St. Katharina in Inzigkofen bei Sigmaringen und 
Oggelsbeuren bei Ehingen. Auf andere, vor allem in Norddeutschland liegende Klöster wer¬ 
de ich weiter unten eingehen. 
Hauber bietet uns speziell Einsicht in einen Band, der ursprünglich im Besitz von Ludwig 
Uhland gewesen war und 1871 in den Besitz der Universitätsbibliothek Tübingen gelangte 
und unter der Ansprache an den Leser zu identifizieren ist: „Disz Buoch gehört in die gemain 
Teutsch Liberey in daz Gotzhausz Üntzkoffen.“25 Die Priorin formuliert in ihrer Widmung, 
wie wichtig dieser Buchschatz für das Kloster sei und drängt darauf, dass es niemals ausgelie¬ 
hen werde: „Und begerend, daz dis buoch also belib in dem convent, das es niemer für das 
kloster kainem menschen geliehen noch gelesen waerd, waz orden sy sind, noch abgeschri- 
ben, und daz umb der truw, so wir suosamen hand in got.“26 Die Handschrift schließt nicht 
nur größere Schriften über die Ordensorganisation ein, sondern auch Passionstexte, d.h. Re¬ 
flexionen über das Leiden und Sterben Christi, allegorische Betrachtungen religiöser Art, die 
and Texts 125),Toronto 1996; Winston-Allen, Anne: Convent Chronicles. Women Writing.About Women and Reform 
in the IMte Middle Ages, University Park 2004. 
23 Hauber, Anton: „Deutsche Handschriften in Frauenklöstern des späteren Mittelalters“, in: Zentralblattfür Bi¬ 
bliothekswesen XXXI, 8 (1914) S. 341-373, hier S. 354. 
24 Für neuere, leider weiterhin keineswegs systematisch gestaltete Untersuchungen siehe: Schmitt, Miriam / 
Kulzer, I.inda (Hg.): Medieval Women Monastics. Wisdom’s Wellsprings, Collegeville 1996; Schreiner, Klaus: „Lau¬ 
tes Lesen, fiktive Mündlichkeit, verschrifdiche Norm. Einleitende Bemerkungen über Fragen, Themen und 
Ergebnisse einer Tagung“, in: Klaus Schreiner / Clemens M. Kasper (Hg.): Viva vox undratio scripta. Mündliche 
und schriftliche Kommunikationsformen im Mönchtum des Mittelalters (Vita Regularis. Ordnungen und Deutungen re¬ 
ligiösen Lebens im Mittelalter 5), Münster 1997; Signori, Gabriela (Hg.): Lesen, Schreiben, Sticken und Erinnern. 
Beiträge gar Kultur- und S'ogialgeschichte mittelalterlicher Frauenklöster (Religion in der Geschichte 7), Bielefeld 2000. 
25 Hauber: „Deutsche Handschriften“ (wie Anm. 23), S. 356. 
26 Ebd., S. 356-357. 
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