Full text: Zwischen Herrschaft und Kunst

,prieur4 nicht verfolgt, entschließt sie sich verzweifelt, nach Rom zu pilgern, weil sie hofft, 
aut diese Weise ihre Jungfräulichkeit wiederzuerlangen. Auf ihrer Reise betritt sie eine 
Kirche, in der sich zufällig auch gerade Marguerite de Navarre mit einigen Hofdamen 
aufhält, um zu beten. Die Autorin lässt sich selbst aus der Perspektive des Erzählers mit 
dem gebührenden Respekt wahrnehmen: „wo die Frau Herzogin von Alençon, die später 
Königin von Navarra wurde [...] insgeheim eine neuntägige Andacht abhielt.40<‘ Dieses 
Zurschaustellen ihrer Person in der Narration steht in krassem Gegensatz zu ihrem Ver¬ 
halten auf der Ebene der histoire. Denn hier verbirgt sich die Duchesse, um heimlich das 
Gebet der Nonne zu belauschen: „Da die Herzogin ihren Gebeten lauschen wollte, zog 
sie sich in die Ecke beim Altar zurück.“’’ Als sie das Wehklagen der Nonne vernimmt, 
tritt sie auf sie zu, um sie nach ihrem Kummer zu befragen, ohne allerdings ihre eigene 
Identität preiszugeben. Die Nonne will sich aber nur der duchesse d’Alençon anvertrauen: 
Ach weh, liebe Dame, mein Unglück ist so groß, daß ich nur noch zu Gott meine Zuflucht nehmen 
kann, und ich flehe zu ihm, daß er mir einen Weg zeige, wie ich mit der Frau Herzogin von Alençon 
sprechen kann; denn nur ihr allein werde ich meine Angelegenheit erzählen, bin ich doch gewiß, sie 
wird, wenn es überhaupt möglich ist, einen Ausweg finden.'18 
Die Duchesse gibt sich jedoch weiterhin nicht zu erkennen und spricht auf einer 
freundschaftlichen Ebene zu der Nonne, indem sie die Anrede ,rrfamye‘ übernimmt: 
„liebes Kind, sprach die Herzogin zu ihr, mit mir könnt Ihr sprechen, wie zu ihr selbst, 
denn ich gehöre zu ihren vertrautesten Freundinnen.“'’ Erst als sich die Nonne erneut 
weigert, ihr ihren Kummer anzuvertrauen, gibt sie ihre wahre Identität preis: „Da sagte ihr 
die Herzogin, sie möge nur ganz offen zu ihr sprechen, denn sie sei die Gesuchte.So¬ 
gleich verändert sich die Situadon. Die Nonne fällt auf die Knie, und die Duchesse artiku- 
liert sich in einem Diskurs der Macht, der durch Briefe vermittelt wird, die sie der Nonne 
überreicht: „Die Herzogin tröstete sie [...] Danach schickte sie die Ärmste in ihre Priorei 
zurück und gab ihr Briefe an den Bischof der Stadt mit, in denen sie Befehl gab, den an¬ 
stößigen Mönch aus dem Kloster zu verjagen.“M In ihrer politischen Rolle kann sie auf ei¬ 
nen Diskurs der Macht nicht verzichten. Nur mit Hilfe dieses Diskurses, den die Nonne 
auch von ihr erwartet, indem sie sie geradezu dazu zwingt, als Herrscherin in Erscheinung 
zu treten, kann unmittelbar auf die Verhältnisse eingewirkt werden: ,nur ihr allein werde 
ich meine Angelegenheit erzählen, bin ich doch gewiß, sie wird, wenn es überhaupt mög¬ 
lich ist, einen Ausweg finden.4 Zugleich inszeniert Marguerite de Navarre in dieser Novel- 
56 S. 756 der deutschen Ausgabe. „où madame la duchesse d’Alençon, qui depuis fut royne de Navarre, al- 
loit secrètement faire quelque neufvaine“ (S. 426). 
1 Ebd. „Et, afin d’entendre ses dévotions, se retira la duchesse au coing de l’autel“ (S. 426). 
38 Ebd. „Helas! m’amve, mon malheur est tel, que je n’ay recours que à Dieu, lequel je suplie me donner 
moien de parler à madame la duchesse d’Alençon, car, à elle seule, je conterai mon affaire, estant asseurée 
que, s’il y a ordre, elle le trouvera“ (S. 426f.). 
39 S. 757 der deutschen Ausgabe. „M’amye, ce luy dist la duchesse, vous povez parler à moy comme à elle, 
car je suis de ses grandes amyes“ (S. 427). 
60 Ebd. „Alors la duchesse luy dist qu’elle povoit parler franchement et qu’elle avoit trouvé ce qu’elle de- 
mandoit“ (S. 427). 
61 Ebd. „La duchesse la réconforta [...] et la renvoya en son prieuré, avecq des lettres à l’evesque du lieu, 
pour donner ordre de faire chasser ce religieux scandaleux“ (S. 427). 
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