Full text: Zwischen Herrschaft und Kunst

Mit Gewalt (,par force menasses4) wird von der königlichen Familie eine den Gesetzen 
der Kirche entsprechende abstrakte Entscheidung durchgesetzt, die in ihrer Problematik 
deshalb offenbar wird, weil der Erzähler der Novelle eine eindeudge Svmpathielenkung zu 
Gunsten der Opfers dieses Urteils vornimmt. Der Mann und seine zweite Frau mit ihren 
Kindern werden gleichsam mitbestraft, weil die Königinnen, die nach den Richtlinien der 
Kirche urteilen, die ehebrecherische ,layde amye4 des gegen das Zölibat verstoßenden 
,chantre4 treffen wollen. In dieser Perspektive erscheint das Urteil, das zwei sich liebende 
Paare zur Trennung zwingt, um ein sich verabscheuendes Paar zu vereinen, rational wenig 
nachvollziehbar. In der Rahmenhandlung wird die Bewertung des Falles nicht diskutiert. 
Das Vorgehen der Königinnen wird somit zwar nicht in Frage gestellt, aber auch der Erzäh¬ 
ler und seine eindeutige Svmpathielenkung zugunsten der ,Opfer4 werden nicht korrigiert. 
Marguerite de Navarre scheint im Raum der Fiktion so sehr von ihrer politischen Rolle 
entlastet, dass sie den Diskurs der Recht sprechenden Macht auf der Ebene der Narration 
in Frage zu stellen vermag. In der einundsechzigsten Novelle tritt sie selbst in einem ver¬ 
gleichbaren Konfliktfall auf. Auch hier hat eine Frau ihren Mann verlassen, um mit ihrem 
Geliebten — einem Domherrn — leben zu können. Einmal wurde sie bereits auf Grund 
dieses Vergehens ins Gefängnis geworfen, aus dem sie aber ihr alles vergebender Ehe¬ 
mann befreit hatte. In das Haus ihres Ehemanns zurückgekehrt, täuschte sie eine tödliche 
Krankheit vor, um in einem unbewachten Augenblick erneut zu dem Geliebten zu fliehen. 
Nach geraumer Zeit versteckt sie sich nicht mehr, hat mit dem Domherrn mehrere Kin¬ 
der und lebt über zwanzig Jahre unbehelligt an seiner Seite. Als jedoch die königliche Fa¬ 
milie in der Stadt Quartier nimmt, berichten die moralisch entrüsteten Bürgersfrauen einer 
Hofdame der duchesse d’Alençon, also der Marguerite de Navarre, von diesen Vorgängen 
und die Damen nehmen sich der Sache an: „Unverweilt begab sich die Herzogin zur Kö¬ 
nigin und zu der Frau Regentin und berichtete ihnen diese Geschichte. Die beiden Damen 
machten kurzen Prozeß und ließen die Elende vor sich entbieten. Die verbarg sich mit¬ 
nichten44."2 
Obwohl Marguerite de Navarre nun selbst zu den handelnden Personen im Erzählraum 
gehört, wird auch in dieser Novelle die einseitige Monopolisierung der Perspektive in 
komplexe Erzählstrukturen aufgelöst. Aus der Sicht der Herrscherpersönlichkeiten ist die 
in Sünde lebende einfache Frau aus dem Volk eine ,pauvre malheureuse4. Auf einer ande¬ 
ren Erzählebene erscheint sie aber auch als ,pauvre malheureuse4, weil sie unverhofft zum 
Opfer des ,sans autre forme de procès4 einberufenen hochherrschaftlichen königlichen 
Gerichtshofs4 wird. Saffredent, der Erzähler der Geschichte, zitiert das Plädoyer der An¬ 
geklagten ausführlich: 
Ich bitte euch, hohe Damen, wollet verhüten, daß man an meine Ehre rührt; denn gottlob habe ich 
mit dem Herrn Kanonikus ein so musterhaftes und tugendliches Leben geführt, daß kein Mensch 
mich deswegen tadeln darf. [...] Wer uns trennen wollte, der würde eine schwere Sünde auf sich laden, 
menasses, qu’il fut contrainct de dire à sa layde amye qu’elle s’en retournast avec son mary et qu’il ne la 
vouloit plus veoir“ (S. 368). 
:i2 S. 659 der deutschen Ausgabe. „Tout soubdain, s’en alla la duchesse à la Royne et à madame la Regente, 
leur compter ceste histoire; qui, sans autre forme de procès, envoierent quérir ceste pauvre malheureuse, 
laquelle ne se cachoit poinct“ (S. 375). 
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