Full text: Zwischen Herrschaft und Kunst

Gelingt es Marguerite de Navarre in einer großen Zahl von Novellen, eine narrative Of¬ 
fenheit zu realisieren, die eine Monopolisierung der Perspektive ausschließt, so bleibt zu 
untersuchen, wie die Autorin in jenen Novellen verfährt, in denen sie selbst oder die kö¬ 
nigliche Familie kraft ihrer herrschaftlichen Autorität unmittelbar in das Geschehen ein- 
greifen. Dies ist zum Beispiel der Fall in der sechzigsten Novelle. Eine Ehefrau hat ihren 
Ehemann verlassen, um mit einem Kantor zusammenzuleben. Als der Ehemann versucht, 
sie mit hülfe der Kirche zur Rückkehr zu zwingen, täuscht sie ihren Tod vor und lebt 
fortan unbehelligt an der Seite ihres Liebhabers. Ihr Ehemann heiratet nach ihrem ver¬ 
meintlichen Tod eine schöne junge Frau, mit der er mehrere Kinder hat. Nach fünfzehn 
Jahren erfahrt er, dass seine erste Ehefrau noch am Leben ist. Die Kirche verlangt, dass er 
sich von der zweiten Frau trennt, um wieder mit der ersten zusammenzuleben: „die Kir¬ 
che wollte unverzüglich die Angelegenheit ins reine bringen und trennte fürs erste die bei¬ 
den, bis die Wahrheit geklärt wäre“ A Der Erzähler Geburon ergreift eindeutig Partei für 
den armen Mann: „Nun wurde also der arme Mann gezwungen, von seiner guten Frau zu 
lassen und sich statt ihrer der schlechten anzunehmen.“4 J Als der Fall der Frau und der 
Mutter des gerade an die Regierung gelangten François Ier vorgetragen wird, betont Ge¬ 
buron, dass auch die ganze Hofgesellschaft Mitleid ergriff: „die ganze Versammlung emp¬ 
fand tiefes Mitleid mit ihm.“"11 Das Urteil der Recht sprechenden Königinnen ist dagegen 
gnadenlos: 
Als ihm seine Frau vorgeführt wurde, wollte sie lange behaupten, er sei nicht ihr Gatte, und hätte er’s 
gekonnt, er hätte es von Herzen gern ebenfalls geglaubt. Sie aber war mehr betrübt als beschämt und 
erklärte ihm, lieber wolle sie sterben als zu ihm zurückkehren; und das machte ihn froh. Aber die Da¬ 
men, in deren Gegenwart sie so unehrbar sprach, verurteilten sie, zu ihm zurückzugehen, und setzten 
dem Sänger mit Drohungen so heftig zu, daß er notgedrungen seiner häßlichen Liebsten sagte, sie 
müsse zu ihrem Gatten zurückkehren, er wolle nichts mehr von ihr wissen.* 51 
Der Begriff des „Ausspekulierens“, den Hans Robert Jauß als bedeutende Kategorie der ästhetischen Er¬ 
fahrung bei Alfred Adler herausstellte, scheint in besonderer Weise auch auf das Heptaméron zuzutreffen, 
obwohl die Reflexionen Adlers das altfranzösische Epos betreffen: „Irgendwie hängt aber die Fabel an 
einer Wirklichkeit, wie ein Kind an der Nabelschnur. Die epische Fabel — in diesem wichtigen Aspekt ei¬ 
ner mythischen vergleichbar — definiert nicht den historischen Faktor, ,an dem sie hängt‘, von dem sie 
abhängt. Sie überspielt diesen Faktor spekulativ. Sie gibt vor, zeigen zu können, wie ein gegebener histo¬ 
rischer Sachverhalt sich ausnähme, falls gewisse extreme Konsequenzen, zu denen der Sachverhalt führen 
könnte, einmal bis zum letzten ausspekuliert würden, hart an der Grenze des von dem Sachverhalt abge¬ 
steckten Kraftfeldes von Möglichkeiten. Die in extremis ausspekulierte epische Sachlage stellt sich dar als 
Problem, das gelöst werden sollte, weshalb denn auch gewisse Lösungsvorschläge ausspekuliert werden, 
die aber nicht als wirkliche Lösungen gelten können“ (Adler, Alfred: Epische Spekulanten. Versuch einer syn¬ 
chronen Geschichte des alfranzösischen Epos. \ önvort von H. R. Jauß, München 1975, hier S. 21). 
48 S. 644 der deutschen Ausgabe, „incontinant l’Eglise y voulut mectre ordre; et, pour le premier, les sépara 
tous deux jusques ad ce que Ton sceut la vérité de ce faict“ (S. 368). 
49 S. 644f. der deutschen Ausgabe. „Allors fut contrainct ce pauvre homme laisser la bonne, pour pourchas¬ 
ser la mauvaise“ (S. 368). 
50 S. 645 der deutschen Ausgabe, „il faisoit grande pitié à toute la compaignye“ (S. 368). 
51 Ebd. „Et, quant sa femme luy fut présentée, elle voulut soustenir longuement que ce n’estoit poinct son 
mary, ce qu’il eust voluntiers creu s’il eust peu. Elle, plus marrye que honteuse, lui dist qu’elle aymoit 
mieulx mourir que retourner avecq luy; dont il estoit très contant. Mais les dames, devant qui elle parloit 
si deshonnestement, la condamnèrent qu’elle retourneroit, et prescherent si bien ce chantre par force 
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