Full text: Zwischen Herrschaft und Kunst

Konsequenzen, die es nach sich zieht. * Das zweite, deutlich längere Exempel, die Histoire 
du siège de Brest, steht als eigenständige Erzählung am Ende der Enseignements. Es re¬ 
sümiert in der Figur der Dame von Brest das vorbildliche Verhalten einer adligen Frau.1" 
Gelegentlich äußert Anne auch ihre eigene Meinung, etwa in Kleiderfragen.9 11 Der Titel 
schließlich verweist auf ein älteres, königliches Vermächtnis an eine Tochter, die 
Enseignements de Saint Louis à sa fille Isabelle aus dem 13. Jahrhundert,1“ und stellt An¬ 
nes Enseignements — abgesehen davon, dass sich Ludwigs Lehren bei Anne wiederfinden 
— eher in die Traditionslinie der königlichen Familie1 ' als in die der traditionellen Frau- 
endidaxen. 
1.1. Annes Leben 
Ich möchte zunächst Annes Biographie skizzieren, um den - historisch fassbaren — Hin¬ 
tergrund ihrer individuellen Erfahrungen zu zeigen. 
Anne wurde 1461 als ältestes (überlebendes) Kind des zukünftigen Königs von Frank¬ 
reich, Ludwig XI. und seiner Frau Charlotte von Savoyen geboren. Ihr Vater verheiratet 
sie 147 134 mit Pierre de Beaujeu, dem jüngeren Bruder des Herzogs des Bourbonnais. Kurz 
vor seinem Tod bestimmt Ludwig XI. Anne zur Erzieherin ihres Bruders, des Thronfol¬ 
gers Karl VIII. 1483 wird sie damit de facto — nicht de jure14 - Regentin des mächtigsten 
Reiches im Europa ihrer Zeit. 
Zusammen mit ihrem Mann und weiteren Beratern setzt sie die Politik ihres Vaters 
fort, die auf der territorialen Konsolidierung des Reiches und auf der Friedenssicherung 
basiert. Gleichzeitig verteidigt sie erfolgreich ihre Stellung als Regentin und ihren Füh¬ 
rungsanspruch. Von Zeitgenossen und gerade auch von ihren Gegnern wird sie als poli¬ 
tisch klug und als exzellente Taktiererin beschrieben, als machtbewusst (oder machtgierig, 
je nach Perspektive) und ebenso auf das Wohl ihres Landes als auf ihr eigenes Wohl be¬ 
dacht. Brantôme hebt ihre Leistungen als Regentin besonders hervor: „[...] elle gouverna 
si sagement et vertueusement que ç’a esté ung des grandz Roys de France, et qui par sa va¬ 
9 Kap. 14, S. 39-45. Das Exempel ist in ähnlicher Form auch von anderen erzählt worden, etwa vom Che¬ 
valier de la Tour Landry (Kap. 12-14). Das LJ vre du Chevalier de la Tour Landry pour renseignement de ses filles 
aus dem späten 14. Jahrhundert ist ein gutes Beispiel für eine Frauendidaxe, die auf Exempeln basiert 
(vgl. dazu De Gendt, Anne Marie: IJArt d’éduquer les nobles damoiselles. L^e Uvre du Chevalier de la Tour Lan- 
dry, Paris 2003). 
1(1 Vgl. Clavier/Viennot: Anne de Trance (wie Anm. 1), S. 26-30. Die Quelle für diesen Text geht auf die 
Chroniques von Jean Froissart zurück. 
11 Vgl. etwa: „ne peult homme ou femme de fasson estre trop gent ou trop net à mongrC (S. 25/47). 
12 Chazaud druckt sie im Vorwort seiner Ausgabe ab (S. XX-XXVII). Auch Ludwig IX. verwendet die di¬ 
rekte Anrede an seine Tochter und beginnt jeden Absatz mit ,chière fille4. 
13 Auch Annes Vater, Ludwig XL, hat für seinen Sohn ,enseignements4 verfassen lassen, den Rosier des guer¬ 
res. 
14 Die so genannte ,loi salique4 gewinnt im 15. Jahrhundert an Gewicht und verbietet fakdsch die weibliche 
Thronfolge ebenso wie die weibliche Regentschaft; vgl. Clavier/Viennot: Anne de France (wie Anm. 1), 
S. lOf. sowie ausführlich Eliane Viennot: l^a France, les femmes et le pouvoir; Teil 1: L’invention de la loi salique 
(A-XLT siècle), Paris 2006. 
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