Full text: Zwischen Herrschaft und Kunst

mer das richtige Maß" finden und sich geduldig in die Umstände fügen/’ Einzelne Ausfüh¬ 
rungen im Verlauf der Enseignements und vor allem die knappe Zusammenfassung ihrer 
Regeln, die Anne im vorletzten Kapitel ihres Buches gibt, relativieren allerdings diesen er¬ 
sten Leseeindruck. Susanne, so heißt es dort, soll sich Maria anvertrauen und sich wie eine 
Frau von Stand verhalten. Das bedeutet: sie soll sich stets ehrenhaft benehmen, sich kalt, 
also distanziert und immer ihrer selbst sicher zeigen, nicht hochmütig blicken, zurückhal¬ 
tend sprechen, nicht wankelmütig, sondern entschlossen sein und stets ihrer Überzeugung 
treu bleiben. Ein solches Auftreten ist nicht eigentlich frauenspezifisch, sondern entspricht 
dem Ideal des adligen Verhaltens und passt damit weit besser zu Annes Lebenserfahrung 
als das zwar kluge, aber doch recht devote Verhalten der traditionellen Frauenlehren. 
L Die Enseignements zwischen traditioneller Frauenlehre und eigener Le¬ 
benserfahrung 
Das traditionelle Frauenbild wird im 14. und 15. Jahrhundert in zahlreichen Erzieh¬ 
ungsbüchern und Traktaten entfaltet, die von Klerikern und Laien verfasst wurden. Das 
Frauenbild, das sie entwerfen, repräsentiert die misogyne Sichtweise der traditionellen 
Kirche und Gesellschaft: Frauen sind von Natur aus schwach, können sich dem Bösen 
nicht widersetzen und haben keinerlei Rechte. Ich möchte diese Werke hier nicht referie¬ 
ren, sondern werde nur immer wieder kontrastiv auf sie verweisen. Eine Ausnahme bilden 
die Werke Christines de Pizan, die hundert jahre vor Anne de France als erste Autorin 
Verhaltensregeln für Frauen aus weiblicher Sicht schrieb. Anne kannte ihre Bücher, be¬ 
zieht sich aber nicht explizit auf Christine.s 
Anne reflektiert in ihren Enseignements das traditionelle Frauenbild vor dem Hinter¬ 
grund ihrer eigenen Situation und ihrer individuellen Lebenserfahrungen. Dies wirkt sich 
zunächst auf die Form der Enseignements aus. Der Text ist sehr persönlich gehalten, An¬ 
ne spricht ihre Tochter immer wieder direkt an. Sie verzichtet zudem weitgehend darauf, 
ihre Unterweisungen durch Exempel zu illustrieren, sondern verweist auf Autoritäten so¬ 
wie auf ihre eigenen Erfahrungen oder auf Beispiele aus ihrer engeren Umgebung. Die 
meisten Frauendidaxen verwenden dagegen zahlreiche Exempel, um ihre Argumentation 
darzulegen. Anne erzählt nur zwei Exempel ausführlich. Das eine, die Geschichte der drei 
Töchter des Herren von Poitiers, zeigt das falsche Verhalten junger Frauen und die bösen 
:1 Vgl. z.B. „en toutes choses, le moïen est vertueux“ (S. 92/76). 
6 „Donc, ma fille, s’il advenoit [...] que y eussiez beaucop à souffrir, aiez parfaicte pascience [...]“ 
(S. 73/68). 
„Et pour tant, ma fille, [...] conduisez vous [...] saigement, ainsi que femmes de façon doivent faire, et 
vous recommandez de bon cueur à la vierge Marie [...]. Soiez tousjours en port honnorable, en manière 
troide et assurée, humble regard, basse parolle, constante et ferme, tous jours en ung propoz, sans flé¬ 
chir.“ (S. 128f./92). 
8 Uber die Gründe, die Anne bewogen haben mögen, ausgerechnet Christine de Pizan nicht zu erwähnen, 
ist verschiedentlich spekuliert worden. Vgl. etwa Tatjana Clavier und Eliane Viennot in der „Intro¬ 
duction“ zu ihrer Ausgabe: Um zu zeigen, dass ihre weibliche Sicht mit derjenigen der Autoritäten über¬ 
einstimmt, vermeidet sie es, eine weitere weibliche Stimme anzuführen (Clavier/Viennot: Anne de France 
[wie Anm. 1], S. 25). Eine Zusammenstellung der Bücher Christines in der Bibliothek von Moulins findet 
sich in Clavier, „Dt Enseignements d’Anne de France et l’héritage de Christine de Pizan“ (wie Anm. 2), S. 24f. 
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