Full text: Zwischen Herrschaft und Kunst

in einem oft benutzten Buch verkörpert die christliche Gemeinschaft der Lebenden und 
der Toten mit Christus und allen Heiligen. Ihre Sachspenden, unter denen sich auch Bü¬ 
cher befinden, sind geistlichen Institutionen zugeeignet, und ein bedeutender Teil ihrer 
Leihbibliothek bestand aus geisdichen Werken. Der literarische Ausdruck der Frömmig¬ 
keitspraxis der Margarethe von Rodemachern umfasste also das Lesen geistlicher Texte, 
das Abschreiben solcher Texte und deren lesetechnische Aufbereitung. Besonders Gotha 
I vereint den persönlich-weltlichen mit dem übergreifenden und grundlegenden geistli¬ 
chen Aspekt der literarischen Zeugnisse der Margarethe von Rodemachern. 
Sowohl Margarethe als auch Dorothea waren zum Zeitpunkt ihrer literarischen Tätig¬ 
keit verheiratete Frauend1 Beide leisteten Stiftungen an geistliche Institutionen — Marga¬ 
rethe unter anderem an das Augustinerinnenkloster St. Agnes in Trief und Dorothea an 
die Dominikanerinnen zu St. Katharina in St. GallenA Das Lesen und anschließende 
Schreiben geistlicher Texte verbindet sie im äußeren Ausdruck einer verschriftlichten per¬ 
sönlichen Frömmigkeit. Obwohl ihre ,Werke* und deren Inhalt sehr verschieden sind, 
lässt sich feststellen, dass sich beide nicht nur um ihr eigenes Seelenheil sorgten, sondern 
auch um das der Familie, Freunde, Schutzbefohlener und potentieller Leser ihrer Schreib¬ 
arbeiten. Dorotheas Büch der götlichen liebe ist ein ambitioniertes Produkt mit kohärentem 
Text und eigener Struktur, dessen Leistung in der Exzerpierung und Kompilation zahlrei¬ 
cher Quellentexte unterschiedlichster Form begründet liegt. Das strukturierte Konzept 
des Büch der götlichen liebe lässt sich aus Dorotheas Intention ableiten, wie ein Berufs¬ 
schreiber zu arbeiten. Inhaltlich ist ihr Werk weder geschlechtsspezifisch geprägt noch 
scheint es persönliche Präferenzen der Verfasserin widerzuspiegeln. 
Die ungeplant angelegten Aufzeichnungen Margarethes jedoch stellen keinen Versuch 
dar ,so gut wie möglich* zu schreiben, sondern konzentrieren sich darauf, die Texte zur ei¬ 
genen Nutzung zu bewahren. Dieses Notieren suchte den vorhandenen Schriftraum op¬ 
timal, und das bedeutet maximal, zu nutzen. Margarethe passt ihre schriftlichen Äußerun¬ 
gen nicht nur inhaltlich, sondern auch situativ vorgegebenen Texten an; sie schreibt dort, 
wo die Handschrift es platztechnisch erlaubt. Inhaltlich ergänzt sie das, was ihr an geeig¬ 
netem geistlichen Material fehlt, kommentiert, instruiert und bereitet bestehendes Material 
rezeptiv auf. Während die eine ein völlig neues Erbauungsbuch verfasst, arbeitet die ande¬ 
re ein bestehendes Erbauungsbuch nach ihren Vorstellungen um. 
Außer der offenkundigen Tatsache, dass Dorothea sehr belesen gewesen sein muss, um 
ein Buch aus mehr als 40 Quellentexten zu kompilieren, und dem geübten Eindruck des 
früh-erlernten Schreibens, den ihre Handschrift macht, ist über ihre Ausbildung nichts 
bekannt. Margarethes Handschrift lässt vermuten, dass sie nicht über Dorotheas Schrei¬ 
berfahrung verfügte. 
81 Geistliche und weltliche rollen-gebundene Arbeiten und mangelnde geistliche Erfahrung halten Frauen 
jüngeren Alters von schriftlichen Tätigkeiten ab. Vgl. Mulder-Bakker, Anneke B.: „The Metamorphosis 
of Woman: Transmission of Knowledge and the Problems of Gender“, in: Anneke B. Mulder-Bakker / 
Pauline Stafford (Hg.): Gendering the Middle Ages (Gender and History 12/3), Oxford 2000, S. 642-664. 
82 Schenk zu Schweinsberg: „Margarethe von Rodemachern“ (wie Anm. 3), S. 134. 
83 Fechter: Dorothea von Hof (wie Anm. 24), S. 3f. Vgl. Wil, Dominikanerinnen Kloster St. Katharina, Klo¬ 
sterarchiv, Cod. 87, Klosterchronik, St. Katharina St. Gallen (unveröffentlicht), f. 60v, 71v, 77v, 89r. 
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