Full text: Zwischen Herrschaft und Kunst

Was Dorothea von Hof zur Produktion ihres Werkes motivierte, beschreibt sie in der 
Vorrede des Büch der gütlichen liehe folgendermaßen: 
Dar um so bit ich alle die, die dis büch lessend oder vor in hörent lessen, das sy mir min lutri gütte 
maynung nit in bösses wellent keren; won ich disse nachgänden lere us vil bücher han zu samen gele¬ 
sen und us gezogen und zesament gesetzt, nach dem besten so ich kund: tugent und unntugenden wider 
ain andren, und sust vil ander leren und under wissung in waz trübsal der mensch sy, das er doch etwas 
trostes dar in vinde.78 
Dorothea konzipierte also ein allgemein-güldges Erbauungsbuch, von dem sie erwarte¬ 
te, dass es anderen Christen auf ihrem Weg zu Gott ebenso nützlich sein würde wie des¬ 
sen Kompilation ihr selbst als Seelgerät diente. ’ Sollte diese Absicht mehr als nur ein Topos 
sein, ließe sich die ,Persönlichkeitslosigkeit‘ des Werkes aus der Antizipation verschiedener 
Leser ableiten. Das Tugendstreben, das in Dorotheas Erklärung ihrer Kompilationsmetho¬ 
de anklingt und sich in ihrer Editionstätigkeit mystisch-spekulativem Material gegenüber 
bestätigt, ist bei Margarethe von Rodemachern eher impliziert als ausgesprochen. 
Margarethes Beiträge zu Gotha I und II folgen keinem vorbedachten Konzept, sondern 
passen sich der bereits bestehenden Struktur der Erbauungsbücher an beziehungsweise 
leiten sich von deren Inhalten ab, indem sie sie so ergänzen und vervollständigen, dass sie 
Margarethes geistlichen Bedürfnissen entsprechen. Zu einer Zeit, in der persönliche geist¬ 
liche Notizen genau die Form besitzen, der sich Margarethe bediente (flüchtig aufge¬ 
zeichnete Texte unterschiedlichsten Inhalts), gewährt sie dem Leser von Gotha I und II 
Einblick in ihre Alltagsfrömmigkeit. Diese sucht sich nicht nur an den ererbten Tugend¬ 
lehren und aszetischen Texten zu orientieren, sondern vermisste Gebete (und Bilder?) als 
Kommunikationsmittel mit der Gemeinschaft der Heiligen. Im Gegensatz dazu wirkt der 
Text des Büchs der gütlichen liebe und dessen Struktur eher ,unpersönlich4 und gerade dies ist 
es, was Dorotheas summa zu einer Zeit individuell4 macht, als theologische und wissen¬ 
schaftliche summae gedruckt wurden und persönliche Aufzeichnungen die Form von Ar- 
beits- und Notizbüchern besaßen.Sl 
Die literarischen Tätigkeiten der Margarethe von Rodemachern, deren Zeugnisse in 
Gotha I und II erhalten sind, erstrecken sich also von Aufzeichnungen, die ihr weltliches 
Leben in familiären Todesnachrichten, Sachspenden und einer Buchleihliste widerspie¬ 
geln, bis zu Eintragungen von didaktischen Kurztraktaten, Gebeten, Gebetsanweisungen 
zu bestehenden Gebeten und Ratschlägen zur täglichen Frömmigkeits- und Gesundheits¬ 
praxis. Obwohl es den Anschein haben mag, dass Margarethes weltliche Eintragungen in 
Gotha 1 nur deshalb aufgezeichnet wurden, weil freie Seiten zur Verfügung standen, so re¬ 
flektieren diese weltlichen Notizen auch ein durchgängig geistliches Element. Der 
Verstorbenen sollte gedacht und für ihr Seelenheil gebetet werden, ihre textuelle Präsenz 
8 Blich der gütlichen liebe (wie Anm. 32), f. 3r/v. 
79 Dorotheas Werk wurde von ihrer Nichte Anna Ottilia, zu diesem Zeitpunkt Ivlarisse in Yillingen, ähnlich 
genutzt, wie Margarethe es mit Gotha I getan hatte. Anna Ottilia verzeichnete ihr eigenes Eintreten ins 
Kloster im Alter von acht Jahren (1509), den Tod ihrer Mutter (1513), das Datum ihrer Profess (1515) 
und schließt daran medizinische Rezepte zur Anwendung von Angelikawurzel an. Büch der gütlichen liebe 
(wie Anm. 32), f. 357v. 
8(1 Brandis: „Die Handschrift“ (wie Anm. 17), S. 49f. 
199
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.