Full text: Zwischen Herrschaft und Kunst

1) Adressaten und Rezipientinnen von Literatur (darunter eines hohen Anteils von 
Frömmigkeitstexten) sind Elisabeth selbst (Gebetbuch), ihre Tochter Margarethe, 
aber auch schon die Mutter Margarethe von Lothringen für zumindest eines der 
französischen Heldenepen. 
2) Zugleich entstehen Sammlungen mit weiterer Strahlkraft bei ihrer Tochter Marga¬ 
rethe (darunter eine ebenfalls nach Lothringen zu lokalisierende Versübersetzung 
samt Prosafassung der ,Pilgerfahrt des träumenden Mönchs4 des französischen Zi¬ 
sterziensers Guillaume de Digulleville) und bei der Verwandten Mechthild von 
Rottenburg; der Sohn gibt den Auftrag zu Prachthandschriften. Mechthild regt lite¬ 
rarische Werke wie die erotische Erzählung ,Die Mörin‘ Hermanns von Sachsenheim 
an. 
3) ln besonderen Fällen verdichtet sich der literarisch-künstlerische Impetus zur Auto¬ 
renschaft, wie es bei Elisabeth der Fall ist, wobei besonders zu würdigen ist, dass 
diese Werke nicht in Zeiten der Muße, sondern während ihrer aktiven Regentschaft 
entstanden. 
Diese Dreiheit des Verhältnisses von Kunst, adliger Frau und Fürstin ist nun kein Ein¬ 
zelfall in Deutschland und schon gar nicht in Europa. Über ganz Europa hinweg lässt sich 
für das 14. bis 16. Jahrhundert eine besondere Rolle gerade adliger Frauen für die Rezep¬ 
tion, die Entstehung und Verbreitung von Literatur, besonders gerade (aber nicht nur) 
volkssprachiger Literatur feststellen. Es gibt nun durchaus gehaltvolle Einzelstudien zu 
den literarisch-künstlerischen Interessen von adligen Frauen, Fürstinnen, Herrscherinnen 
(manches freilich liegt noch fast völlig im Dunkel) sowie auch durchaus bereits manche 
Studien zum politischen Wirken speziell von Herrscherinnen. Doch blieb bisher eine zen¬ 
trale Frage beim monographischen, partikularen Vorgehen unbeantwortet, musste unbe¬ 
antwortet bleiben. Es ist die Frage nach der wechselseitigen Bedingtheit und Koexistenz 
von weiblicher Fürstinnen- und Herrscherrolle und literarisch-künstlerischer Interessen¬ 
bildung. War letztere nur ein individuelles Additum, geboren etwa aus adliger Erziehung 
und religiöser Betreuung? Spiegeln die literarischen Interessen mentalitätsgeschichtliche 
Prozesse des späten Mittelalters? Gehorchten sie dynastischen, genealogischen Interessen? 
War das Rezipieren, Fertigen und Sammeln von Literatur ein Element adliger und fürstli¬ 
cher Repräsentation? Waren Autorschaft und Aufbau literarischer Zentren Instrumente, 
die Frauen halfen, einen eigenen Handlungsspielraum im sozialen Gefüge der Höfe, in der 
Kommunikation der politisch handelnden Oberschichten zu erschließen? Und lassen sich 
weibliche (aber auch im Gegenpart männliche) Rollenbilder und Verhaltensnormen in der 
Börner, Aloys (Hg.): Die Pilgerfahrt des träumenden Mönchs. Aus der Perleburger Handschrift (Deutsche Texte des 
Mittelalters 25), Berlin 1915. Vgl. dazu Haubrichs, Wolfgang: „Die ,Pilgerfahrt des träumenden Mönchs'. 
Eine poetische Übersetzung Elisabeths aus dem Französischen?“, in: Haubrichs/Herrmann (wie 
Anm. 1), S. 533-568; Dcrs.: „Edition und Sprachgeschichte. Zum sprach- und literarhistorischen Sinn ei¬ 
ner synoptischen Edition der westrheinfränkischen Prosaübersetzung der Pilgerfahrt des träumenden Mönchs 
(PTM)“, in: Michael Stolz (Hg.): Edition und Sprachgeschichte (Beihefte zu editio 26), Tübingen 2007, S. 155- 
186. Demnächst Kablitz, Andreas / Peters, Ursula (Hg.): Mittelalterliche Textualität als Ketextualisierung. Das 
Peie rin age -Cotpus des Guillaume de Deguileville im europäischen Mittelalteg Heidelberg 2013. 
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