Full text: Interferenz-Onomastik

Auch aus heutiger Sicht als historisch falsch erkannten älteren, insbesondere 
mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Namendeutungen kommt natürlich ein 
eigener historischer Aussagewert zu, wenn auch nicht zur Etymologie im heu¬ 
tigen Verständnis (vgl. z.B. Bergmann 2002). 
6. [Methodische Auswege 
Das bloße Aufzeigen eines methodischen Dilemmas kann allenfalls eine 
lähmende Wirkung haben, nicht aber die Forschung wirklich weiterbringen. 
Wie kann also die Methode der Namendeutung im Hinblick auf die historische 
Schichtung der deutschen Ortsnamen weiterentwickelt werden? 
Schon mehrfach war der zentrale Artikel von Elmar Seebold, „Wortge¬ 
schichte/Etymologie der Namen“, im Handbuch Namenforschung zu zitieren. 
Elmar Seebold gewinnt hier einen übergreifenden Aspekt, ausgehend von Be¬ 
obachtungen zur Namengebung bei der Besiedelung Islands (1995, S. 604). 
Wegen der individuellen Referenz der Namen unterscheiden sie sich von 
appellativischen Bezeichnungen: 
eine normale Bezeichnung nennt im allgemeinen ein für die bezeich- 
nete Klasse charakteristisches, jederzeit nachprüfbares Merkmal, 
während ein Name ein Individuum von ähnlichen Individuen unter¬ 
scheiden soll; deshalb wird bei der Namengebung dieser Art häufiger 
auf zufällige Besonderheiten zurückgegriffen oder auf Umstände, die 
nur einer kleinen Gruppe von Leuten bekannt sind. 
Daraus folgt dann auch die methodische Forderung (Seebold 1995, S. 605): 
Allgemein ist zu sagen, daß es nicht genügt, in einem Namen ein 
anderes Wort als Grundlage erkennen zu wollen - wenn das Namen¬ 
motiv nicht nachgewiesen werden kann, reicht dies zu einer Etymolo¬ 
gie nicht aus. 
Gegen diese Forderung verstoßen im Grunde die meisten Namener¬ 
klärungen mit Tier- oder Pflanzenbezeichnungen vom Typ Birkenfeld ,Ort auf 
einem mit Birken bestandenen Feld4, Ebrach ,(Gewässername) fließendes 
Wasser, an dem sich Eber aufhalten4 usw., die ja auch gerade nicht auf indivi¬ 
duelle, sondern auf allgemeine Merkmale Bezug nehmen. Meist bleibt es bei 
dieser Art Namendeutung beim bloßen Nachweis eines deutschen Appellativs, 
ohne dass überhaupt nach einer Motivation gesucht wird - ganz zu schweigen 
von einer Realprobe. Dass die Forderung Seebolds nur schwer oder gar nicht 
erfüllbar ist, sollte jedenfalls nicht dazu fuhren, die Tatsache einer fehlenden 
Motivation ganz unerwähnt zu lassen. Statt ,Stätte, wo sich Füchse aufhalten4 
kann man bei einem Namen wie Fuchsstadt mit Sicherheit nur sagen, dass der 
Name nach heutigem Verständnis die Tierbezeichnung Fuchs und das Namen¬ 
grundwort -stadt enthält, dass dies wohl auch schon in den mittelalterlichen 
Belegen der Fall war, und dass eine Motivation für den Siedlungsnamen nicht 
erkennbar ist. Eine lediglich vermutete Motivation sollte explizit als solche 
gekennzeichnet sein; vgl. z.B. von Reitzenstein (1991, S. 353) zu Schweinfurf. 
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