Full text: Interferenz-Onomastik

<vv> und nicht mit der romanisierten Graphie <gu>, die aufgrund der Spät¬ 
datierung, der diatopischen Verteilung der Namen und der Parallelentwick¬ 
lung in den zentralen Gebieten Italiens eigentlich zu erwarten wäre, wiederge¬ 
geben: Vvalfreda (a. 824 Samo), Vvalfusu (a. 857 Barbazzana), Vvalperto (a. 
844 Tostaccio).4-1 Es zeichnet sich hier entweder eine graphische Tradition ab, 
die bewusst konservative Graphien bevorzugt; denkbar ist aber auch eine 
phonologische Erklärung, die von den Besonderheiten der süditalienischen 
Dialekte ausgeht, wo anlautendes (und intervokalisches) [g] zum Schwinden 
tendiert und wo jedes [w] (auch germ. /w/) entweder ganz schwindet oder als 
[u, v] erscheint.* 44 46 Nur einmal ist der Name „Qualdiperto clericus“ (a. 850 
Nocera) belegt, mit romanischem Ersatzlaut (in hyperkorrekter Schreibung) 
des anlautenden germ. /w/, neben sonstigem Vvaldiperti (a. 848 Tostaccio), 
Vvaaldipertus (a. 854 Tostaccio) u.ä.47 
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in Oberitalien vor 750 romani- 
sierte Schreibungen nur vereinzelt Vorkommen. Diesbezüglich schreibt 
Möhren, der jüngst eine detaillierte Darstellung der Entwicklung des lat. [w] 
vor allem in der Galloromania und darüber hinaus der grapho-phonetischen 
Wiedergabe des germ. bzw. fränk. /w/ vorgelegt hat und dabei am Rande auch 
die italoromanischen Verhältnisse behandelt, dass die Entwicklung des lateini¬ 
schen [w] zur labiodentalen Frikative in Italien schneller fortschritt als in der 
Galloromania.4'1 Für die Gallia Cisalpina rechnet er allerdings mit einem jahr¬ 
hundertelangen Schwanken zwischen [w] und [b], weshalb das lang, [w] mit 
dem lat. [w] noch übereinstimmen konnte. Die Gallia Cisalpina „connaissait 
encore le w latin (du moins comme Variante) auquel le w langobard pouvait 
s’accorder sans peine dans Fecrit.“4 Nach 750 mehren sich die Beispiele, die 
<gu> aufweisen; bemerkenswert sind dann Belege, die im 8. Jahrhundert ein 
Nebeneinander von romanisierten und nicht romanisierten Graphien aufweisen. 
Im südlichen Herzogtum Spoleto sind fast ausschließlich romanische 
Graphien mit <gu> vertreten. Für das Herzogtum Benevent erlaubt die spärli¬ 
che Überlieferung von Privaturkunden keine definitive Aussage: bemerkens¬ 
wert ist auf jeden Fall die Überlieferung der Namen in den beneventanischen 
Diplomen, wo fast ausschließlich konservative Graphien Vorkommen. Die 
spätere Tradition aus dem Codex diplomaticus Cavensis bietet erstaunlicher¬ 
47 Morlicchio 1985, S. 78f. 
44 Sabatini 1963, S. 56, Anm. 2; Morlicchio 1985, S. 134f. 
45 Vgl. Bruckner 1895, S. 127; Morlicchio 1985, S. 78. 
46 Möhren 2000, S. 57. 
47 Ebd., S. 29f. Vgl, auch Sabatini 1963, S. 147f. In einigen oberitalienischen Dia¬ 
lekten hat sich anlautendes germ. /w/ zu [v] entwickelt: vgl. altvenezianisch vere 
,Krieg" < afrk. *werra ,Krieg". Nach Rohlfs § 168 hat sich dieses [v] höchstwahr¬ 
scheinlich aus einem vorhergehendem [gu] entwickelt. Bruckner 1895, S. 128, 
denkt dagegen an Erhalt von ursprünglichem anlautendem germ. Iw/. 
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