Full text: Interferenz-Onomastik

3.2. Interferenznamen in der Familie des Eparchius Avitus 
Auch in der Familie des weströmischen Kaisers der Jahre 455/56, des Arver- 
ners Eparchius Avitus, gibt es einige sicher identifizierbare Interferenzen mit 
indigenem Namengut. Die männliche Linie kann über den mutmaßlichen Va¬ 
ter Aghcola (Konsul des Jahres 421) auf einen Aristokraten Philagrius 
zurückgeführt werden (Sidonius, Carmina VII Z. 156f.). Einer von Avitus’ 
Söhnen führt den Namen Agricola weiter. Die beiden Anthroponyme ,spielen* 
mit dem Element agri/o-. In klassisch-antiker .Lesart4 liegen die geläufigen 
Namen Philagros/Philagrius von tpiXaypog ,das Land liebend4 und Agricola 
.Bauer4 vor. Philagr(i)os hat keine römische Tradition, ist aber ein in Make¬ 
donien und Mittelgriechenland häufiger Name (LGPN I1IA, S. 447; IIIB, S. 
420; IV, S. 342). Agricola ist wohl weniger in Zusammenhang mit dem ein¬ 
fachen Bauernstand oder einem idyllisch verklärten Landleben gesehen wor¬ 
den, sondern erinnert vielmehr an den klangvollen Namen römischer Politiker 
und Militärs der Vergangenheit. Er könnte somit nicht mehr als sprechender 
Name4 empfunden worden, sondern zu einem reinen Onym geworden sein. 
Gegen ein völlig bedeutungsentleertes Onym spricht allerdings die Tat¬ 
sache, dass das ,Land'-Motiv auch in anderer Form in der gallorömischen 
Aristokratie auftritt. Der eng mit der Familie des Avitus verbundene Ruricius, 
Bischof von Augustoritum (Limoges, ca. f 507, PLRE II S. 960), trägt einen 
Namen, der keine römische Tradition hat, aber dasselbe Motiv mit einer Ab¬ 
leitung von rüs ,Land4 zum Ausdruck bringt. Ferner gibt es in der Oberschicht 
Onyme wie Agritius, Agretius, Agrecius und Agroecius (KGPN S. 119; ACS 1 
S. 61 f.; Co§kun/Zeidler 2003, S. 23) für gesprochenes *[a'yrikjos] (\o\e!i für 
[i]), die beispielsweise im Namen eines Bischofs von Trier (ca. 260-333/35) 
begegnen. Die Variante Agroecius wird in der Regel mit griechisch äypoiKOi; 
,ländlich, Landbewohner4 in Verbindung gebracht, ist aber offenbar nur in 
Gallien bezeugt (PLRE il S. 38f.), z.B. für einen Lehrer der Rhetorik in 
Burdigala (Bordeaux) in der Mitte des 4. Jahrhunderts (Ausonius, Prof. 15; 
Sidonius, Epist. V 10,3) und einen Abteilungsleiter der kaiserlichen Kanzlei 
(primicerius notariorum) des gallischen Usurpators Iovinus in den Jahren 
411-413 (Gregor von Tour II 9). Schließlich kann man noch den Namen 
Agrestis anführen, der als cognomen bei den Juliem auftritt, aber in Italien wie 
in Gallien selten ist (OPEL I S. 57: 5-mal; Kajanto 1965, S. 310: 9-mal). 
Es mag aber auch hier bewusst ein Anklang an die einheimische onomas- 
tische Tradition gesucht worden sein. Die zlgr/'-Namen können ebenso mit 
gallisch agro- »Schlacht, Gemetzel, (eigentlich) Hetze4 (*agron in altirisch är, 
*agrä in altbretonisch air usw., OLG S. 35) in Verbindung gebracht werden. 
Dieselbe Herkunft, die Xavier Deiamarre (OLG S. 35 mit Verweis auf J. Loth) 
für Agricius annimmt, kann auch auf Agricola zutreffen: eine Reinterpretation 
und Latinisierung von gallisch *Agro-cu ,Kampfhund4. Dieses Kompositum 
ist zwar nicht bezeugt, liegt aber dem altirischen är-chu und dem kymrischen 
aer-gi zugrunde. Die Evidenz im Inselkeltischen und der kriegerische Charak¬ 
ter des Onyms, der typisch für gallische Adelsnamen wäre, plausibilisieren 
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