Full text: Interferenz-Onomastik

Im Beleg ca. 750 (Kopie von 1254) Chuntzengew tritt die original altbairi¬ 
sche Form zu Tage; sie weist die 2, Lautverschiebung im Anlaut auf und hat 
an Stelle der Lautkombination /kwin/ - nach dem bekannten oberdeutschen 
Lautwandel - /kun/ bzw. <chun> (vgl. Braune/Reiffenstein 2004, §107 Anm. 
2). Das /i/ der zweiten Silbe bewirkte Umlaut (> Künzin). Schließlich wird der 
Name in der schriftsprachlichen Form den anderen Ortsnamen auf -ing ange¬ 
passt; so entsteht die heutige amtliche Schreibweise Künzing, mundartlich 
aber kindsn. 
Merkwürdig bleibt die Tatsache, dass das Suffix -janu 'n ^en althoch¬ 
deutschen Belegen als <in> erscheint. Dies ist nicht nur bei Künzing so; der 
älteste Beleg für Pfünz lautet z.B. 889 Phuncina (vgl. Reitzenstein 2006, S. 
211), das nach meiner Auffassung aus *Pontianu(m) entstand. Es bleibt jeden¬ 
falls festzuhalten, dass der Wechsel von -janu zu ahd. -in- schwerlich als alt¬ 
hochdeutscher Lautwandel zu erklären ist - abgesehen vielleicht von der Apo- 
kope des auslautenden Vokals -u/-o. Das parallele Suffix germ. -jan, die Infi¬ 
nitiv-Endung der schwachen Verben der 1. Klasse (z.B. got. satjan), lautet im 
Althochdeutschen -en (ahd. setzen) (vgl. Braune/Reiffenstein 2004, §118 
Anm. 2). Dass in Bayern eine voralthochdeutsche ,romanische4 Entwicklung, 
wie sie für das Frankoprovenzalische nachgewiesen wurde, hier ebenfalls Gül¬ 
tigkeit besaß, wage ich nicht anzunehmen. Jedenfalls weist Wulf Müller (vgl. 
Müller 2001, S. 179) nach, dass anstelle von klassischem Gratianopolita- 
«o/Grenoble bereits 866 die Schreibung Gracinopolitano vorkommt. Ebenso 
könnte man sagen, dass anstelle von klassischem *Quintianu im 8. Jahrhun¬ 
dert Quinzin- auftaucht. Dennoch kann ich einen Suffixwechsel hin zum 
besonders in oberdeutschen Ortsnamen häufigen althochdeutschen Suffix -in-, 
z.B. Buolinhoven, Puosindorf Lenginvelt (vgl. Braune/Reiffenstein 2004, § 
221 Anm. 2) statt eines Lautwandels nicht ausschließen. 
3.2.2. Fallbeispiel Kasing < *Karisianu 
Die Liste der aus heutigen Namen rekonstruierten -/am/m-Namen in Bayern 
lässt sich - vor dem gerade entwickelten Hintergrund - zumindest um einen 
weiteren Namen vermehren: Die Rede ist von Kasing, dem Namen eines 
Pfarrdorfs in der Gemeinde Kösching (Ldkr. Eichstätt); Kösching ist das an¬ 
tike Germanicum (vgl. Czysz u.a. 1995, S. 469). Die folgende sorgfältige Be- 
legsammlung verdanke ich meiner Schülerin Martina Kürzinger, die aus Ka¬ 
sing stammt: 
Belegreihe Kasing (Pfarrdorf, Gemeinde Kösching, Altlandkreis Ingolstadt, 
Neulandkreis Eichstätt; mundartliche Form: ¡¿‘äsen) 
Quelle 
FöK: Tr Weihenstephan 275 
BayHStA KL Regensburg- 
Obermünster 5a, p 35 
Jahr 
[M. 12. Jh.J 
[ 12. Jh.] 
Beleg 
Kersse 
Pube de chärse 
251
	        

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