Full text: Interferenz-Onomastik

eben Straßenstationen ab: Er nennt anstelle von Belginum das sonst zu dieser 
Zeit noch unbekannte Dumnissus (das heutige Denzen; 995: Domnissä). 
Damit wollte Ausonius wahrscheinlich eine Parallele zwischen dem gallischen 
dumno- ,dunkel; Tiefe, Unterwelt1 und Vergils Unterweltsschilderung her- 
stellen. Sowohl Dumnissus als auch der Orkus werden mit dem Attribut arens 
,trocken' beschrieben. 
2.3. Ergebnisse zu den Interferenznamen bei Ausonius 
Mit den auffälligen Namen in der Familie des Professors, Dichters und Staats¬ 
mannes Decimius Magnus Ausonius von Bordeaux (ca. 311-394, Co$kun 
2002) beschäftigten sich Altay Co$kun und der Verfasser in einer grundlegen¬ 
den Studie (Co§kun/Zeidler 2003). Seine Dichtungen bieten einen einzig¬ 
artigen Schatz von insgesamt 86 Namensbelegen für 43 Individuen, die ihren 
sicheren Platz in ein und demselben Familienstammbaum finden. Es wurden 
zwar nur 15 Prozent eindeutig einheimische Namen (z.B. Talisius, Namia) 
gezählt. Bei näherer Betrachtung ergab sich jedoch, dass nicht weniger als 56 
Prozent der lateinischen und an 100 Prozent der griechischen Belege durch 
regionale onomastische Klangmuster und Themen motiviert sein könnten 
(z.B. Arborius, Regulus, Dry’adia). Unter Berücksichtigung der indigenen 
Namen lässt sich der regionale Einschlag auf insgesamt 83 Prozent beziffern 
(Co§kun/Zeidler 2003, S. 53, table B). Diese Größenordnung übertrifft die 
Werte, die Lochner von Hüttenbach für das Noricum ermittelt hat, und meist 
auch diejenigen, die der Kreis um Dondin-Payre und Raepsaet-Charlier für 
das kaiserzeitliche Gallien postuliert. 
3. Onomastische Interferenzen in der gallorömischen Aristo¬ 
kratie des 5. Jahrhunderts 
Die extended family des Ausonius stellt überlieferungsgeschichtlich natürlich 
einen Ausnahmefall dar. Die führenden gallischen Familien des 3.-6. Jahrhun¬ 
derts waren aber in ein eng geknüpftes Netzwerk von Verwandtschaft und 
Freundschaft eingebunden (Mathisen 1981) und teilten das Bewusstsein einer 
eigenen kulturellen Identität, die durch römische wie regionale gallische 
Traditionen geprägt war. Am deutlichsten sind diese regionalen Traditionen in 
der Onomastik zu fassen, da Personennamen zu Zehntausenden überliefert 
sind. Die eigene regionale Identität zeigt sich aber auch am Beibehalten von 
Merkmalen der materiellen Kultur (s.o., Abschnitt 1) und im Festhalten an 
Besonderheiten der geistigen Kultur. Vieles des nur mündlich tradierten 
Wissens ist wohl unwiederbringlich verloren, aber gelegentlich finden sich 
doch Spuren, So verwendete der Arzt Marcellus von Bordeaux (PLRE 1 S. 
55 lf.), ein Freund des Ausonius, einige gallische Formeln und Ausdrücke in 
seinem Buch De medieamentis (Meid/Anreiter 2005). 
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