Full text: Interferenz-Onomastik

Die Schaffung von Parallelnamen geht im späteren Mittelalter weiter, doch 
scheinen von nun an die verschiedenen Kanzleien beteiligt zu sein. Das Spiel 
war vor allem in Basel beliebt. Wenn zer Chinden für Chaindon noch halbwegs 
phonetisch aussieht, so kann man das nicht mehr für Pferdmund/Vennes, 
Granfelden! Grandval, Daehsfe/den/Tavannes oder die Fehlübersetzung Tram- 
lingen/Tramelan sagen. Vernünftig dagegen erscheint die Übersetzung Frei- 
berge/Franches-Montagnes, was die Freistellung von gewissen Steuern 
andeutet, ursprünglich im Singular Fryenberg (ab 1442 Frygenberg). Auch 
Eringertal für Val d’Erins ist eine Fehlübersetzung, diesmal der bischöflichen 
Kanzlei in Sitten, denn es handelt sich ursprünglich um einen lateinischen Prä- 
diennamen auf -ianum. 
Von allen diesen spätmittelalterlichen Fällen sehen wir eigentlich nur bei 
Tramelan ganz klar.2 Ursprünglich handelte es sich um einen Bachnamen, 
abgeleitet vom Talbach la Trame + Diminutivsuffix -eile + Morphem -an (< lat. 
-anem), als Gewässernamensuffix beliebt. Während dieser winzige Zufluss der 
Trame in Tramelan bis auf einen Entwässerungsgraben verschwunden ist, hat 
sich das Tälchcn erhalten, wenn auch in reduzierter Form. Es wird nämlich von 
einer Zuglinie und einer Wohnstrasse durchquert, was mit Aufschüttungen 
verbunden ist. 
Die Ortsnamenform Tramelan ist bis heute durchgehend belegt, doch hat 
sich im 13./14. Jahrhundert etwas Entscheidendes verändert. Die Dialektgrenze 
verschob sich nach Süden, so dass man das Suffix -an nach dem von nun an hier 
gesprochenen Franc-Comtois uminterpretierte. Wie im Französischen wird 
nämlich in dieser Mundartgruppe die Präposition in und auch die Ortsnamen- 
endung -ingos zu nasalem -an. Nebenbei bemerkt muss man die gern zitierte 
Form Trimellingen streichen: Sie bezeichnet nämlich eine Flur in Delsberg. 
Mit der Neuinterpretation -an < -ingos war der deutschen Übersetzung 
-ingen das Tor geöffnet. 
Die Unsicherheit im Umgang mit dem Suffix hörte damit übrigens nicht auf. 
Im nördlich angrenzenden Kanton Jura wählte man -a (trem/a), typisiert lat. 
-ittu, fr. -et. ln Les Bois in der Nachbarschaft von La Chaux-de-Fonds ging die 
Entwicklung sogar zu langem a weiter, bei den Alten der Gemeinde tremöla, 
typisiert lat. -alis, fr. -au. Hier sind wir schon sehr weit vom ursprünglichen 
frankoprovenzalisehen -an (< lateinisch -anem) entfernt. 
21 Dank der ausführlichen Belegliste; s. Anhang. 
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