Full text: Interferenz-Onomastik

Mervelierl Morswiler, Montsevelier/Mutzwiler haben vermutlich die Franken 
noch ihren Anteil, doch wird man nun auch - vor allem gegen Ende des Jahr¬ 
hunderts - mit allmählicher alemannischer Einwanderung rechnen müssen. 
Eine der seltsamsten fränkischen Übernahmen stellt Turegum (oder unverän¬ 
derlich Turego) dar, eigentlich die romanische Form von Turicum = Zürich des 
677. Jahrhunderts, die das ganze Mittelalter über im Schriftgut lebendig blieb. 
Drei romanische Züge zeichnen die Form aus: unverschobenes t-, -e- aus latei¬ 
nisch kurzem offenem -/'-, -g- aus intervokalisch -k-. Es bildet zusammen mit 
Zürich einen alemannisch-fränkischen Doppelnamen, wobei Zürich die niede¬ 
re, Turegum die hohe Variante darstellt. Letztere wird nämlich nicht nur in den 
lokalen Quellen ab dem 9. Jahrhundert benutzt, z.B. in den Pergamentrollen der 
Klöster und in einer feierlichen Liste der Schwestern des Fraumünsters im 
Reichenauer Verbrüderungsbuch (nomina sororum de Turego), sondern auch 
beinahe systematisch in den deutschen Königs- und Kaiserurkunden des Mittel¬ 
alters. 
Die einwandemden Franken des 677. Jahrhunderts stießen offensichtlich auf 
ein gut funktionierendes romanisches Verwaltungssystem, welches für sie mit 
dem Namen der Gemeinschaft von Turegum verknüpft war. Erstaunlicherweise 
bewahrten sie diesen Namen neben der älteren Form Zürich, allerdings nur in 
der Schrift/ Das Präparoxytonon Turicum ist letztlich keltischen Ursprungs 
und bedeutet wohl „Gelände am Bach *Turos (oder *Tura)u.H 
3. Nördlich des Genfer Sees gab es zweifellos germanischen Einfluss schon 
in der Merowingerzeit, doch kam es nicht zur Ausbildung einer regelrechten 
Doppelnamenlandschaft. Während sich dort das fränkische Lehnsuffix -ingos 
massenhaft ausbreitete, blieben die Doppelnamen eher die Ausnahme. 
Echallens z.B. besitzt zwar ein deutsches Pendant Tscherlitz, älter Scherling 
1525 und Scherli 1530,* 9 10 doch ist dies einer der eher wenigen Einzelfälle (< 
*Skar-iIo + -ingos).U) 
Wir glauben also, dass diese und andere Germanismen durch die fränkische 
Wir danken Frau Martina Pitz für ihre ausführliche Diskussion dieses schwierigen 
Problems. 
* Wir folgen also nicht der Zürcher Forschung, die bei Turicum ein langes betontes 
ansetzt. Vgl. Müller, Wulf: „Turego = Zürich“, in: Nouvelle revue d'onomastique 
47-48 (2007) S. 221-222. 
9 Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der Schweizerdeutschen Sprache, begonnen 
von Friedrich Staub, fortges. unter der Leitung von Albert Bachmann, Bd. VIII, 
Frauenfeld 1920, S. 1262. 
10 Besse, Maria: Namenpaare an der Sprachgrenze. Eine lautchronologische Untersu¬ 
chung zu zweisprachigen Ortsnamen im Norden und Süden der deutsch-franzö¬ 
sischen Sprachgrenze (Zeitschrift für romanische Philologie, Beihefte 267), Tübin¬ 
gen 1997, S. 115-116. Vgl. LSG 310. 
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