Full text: Forschungsaufgabe Industriekultur

Erzen.’11 1884 wird im Deutschen Zollverein schon mehr Thomas-Stahl als 
Bessemer-Stahl erzeugt.'1 
Bemerkenswerterweise geschieht eine derartige Akzeptanz des Thomas-Verfah¬ 
rens an der Saar nicht in ähnlicher Geschwindigkeit, wie man es eigentlich 
annehmen könnte. Zwar führt Stumm das Verfahren bereits 1881 in Neunkirchen 
ein,’“ aber eine allgemeine Umstellung auf Thomas-Stahl erfolgt zunächst nicht. 
Burbach, Völklingen und Dillingen beginnen erst 1890 bis 1894 mit dem 
Erblasen von Thomas-Stahl.30 33 
Der Grund für die zögernde Haltung der Saarhütten ist darin zu suchen, dass 
diese unter dem Druck der seit 1862 Bessemer-Stahl verarbeitenden Walzwerke 
an Rhein und Ruhr auf Produkte aus Minette-Schmiedeeisen ausgewichen 
waren, für welche Letzteres wenigstens ebenso geeignet, aber preiswerter ist. 
Dazu gehören insbesondere schwere Doppel-T-Träger für Bauzwecke - die so 
genannten "eisernen Balken" -, die 1862 auf der Burbacher Hütte als neue 
Produktionssparte eingeführt werden, schnell den Markt des Zollvereins erobern 
und ihn lange beherrschen.34 35 Die Völklinger Hütte wird 1889 sogar Deutsch¬ 
lands größtes Trägerwalzwerk,’'’ Für zwei weitere Produkte ist das Schmiedeeisen 
dem Bessemer-Stahl technisch nicht unterlegen: für Eisenbahnschwellen, die im 
Bahnbau zunehmend die Holzschwellen verdrängen, und für Gussrohren für 
Kanalisation und Gasleitungen.36 Die gute Wettbewerbsposition bei Produkten, 
die im Eisenbahnbau, aber auch im sich enorm ausweitenden Städtebau stark 
nachgefragt werden, sind dafür verantwortlich, dass die Hüttenindustrie an der 
Saar es mit der Einführung des Thomas-Verfahrens nicht eilig hat.37 Die letzte 
Puddeleisenerzeugung findet in der Völklinger Hütte 1903 statt.38 
30 Döring (Anm. 1), S. 119. Die außerordentlich niedrigen Produktionskosten von Thomas- 
Stahl im rheinisch-westfalischen Revier in den frühen 1880er Jahren resultieren allerdings 
vor allem daraus, dass Puddelschlacke, die als Abfallprodukt der Schmiedeeisen-Erzeugung 
in gewaltigen Halden bei den Stahlwerken lagert und einen Eisengehalt von ca. 55% 
aufweist, sich hervorragend zur Verhüttung zu Thomas-Roheisen eignet. Vgl. Döring 
(Anm. 1), S. 116; Ulrich Wengenroth, Partnerschaft oder Rivalität? - Die Beziehungen 
zwischen der deutschen und der französischen Schwerindustrie vom späten 19. Jahrhundert 
bis zur Montanunion, in: Frankreich und Deutschland - Forschung, Technologie und indus¬ 
trielle Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert, hrsg. von Yves Cohen u. Klaus Manfrass. 
München 1990, S. 321 -333, hier S. 332. 
31 Döring (Anm. 1), S. 112-114; Martin (Anm. 5), S. 87. 
32 Döring (Anm. 1), S. 113. 
33 Martin (Anm. 5), S. 217. 
34 Döring (Anm. 1 ), S. 46. 
35 Martin (Anm. 5), S. 217. 
36 Ebd., S. 215; Döring (Anm. 1), S, 53. 
37 Latz (Anm. 20), S. 30 weist darauf hin, dass die Saarhütten das Thomas-Verfahren nur 
zögerlich einführen, weil sie infolge der minderen Koksqualität aus Saarkohle nicht in der 
Lage sind, so groß dimensionierte und wirtschaftlich produzierende Hochöfen einzusetzen 
wie die Ruhrhütten. 
38 Richard Nutzinger, Hans Boehmer u. Otto Johannsen, 50 Jahre Röchling Völklingen - die 
Entwicklung eines rheinischen Industrie-Unternehmens. Saarbrücken/Völklingen 1931, 
79
	        

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