Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

Dienste  aber  steht  die  gesamte  Technik  und  in  deren  Dienste  wieder  die  weitaus
größte  Domäne  der  Wissenschaft."
Die  planlos  wuchernden  Zusammenballungen  von  immer  riesigeren  Menschenmassen
  in  gesichts-  und  seelenlosen  Großstadtvierteln  wurden  im  Gefolge  jenes
Krisengefiihls  als  Beweis  dafür  betrachtet,  dass  der  Kampf  zwischen  Stadt  und
Land  mit  der  endgültigen  Niederlage  des  Landes  zu  enden  drohte,  wenn  nicht
grundlegende  Änderungen  der  Entwicklungsrichtung  eintraten.  Der  "Aussaugung"
  des  Landes  durch  die  "Landflucht"  und  der  allmählichen  Ausbreitung
von  immer  mehr  Elementen  der  Massenzivilisation  auf  das  Land  sollte  vor  allem
durch  Abwehrmaßnahmen  einerseits  und  eine  Neubewertung  des  ländlichen
Lebens  als  "Quelle,  aus  der  das  gesamte  Volk  Erfrischung  und  Erstarkung
schöpfte",  andererseits  begegnet  werden.  Mit  anderen  Worten:  Das  Land,  verherrlicht
  als  der  eigentliche  und  ursprünglich  gesunde  Wurzelgrund  des  Volkes,
schien  durch  die  parasitäre  Existenz  und  das  krebsartige  Wuchern  der  großen
Städte  in  deren  unausweichliche  Katastrophe  mit  hineingezogen  zu  werden,
wenn  es  sich  nicht  auf  seine  Funktion  als  völkischer  "Urquelle"  besann  und
entsprechend  durch  den  Staat  geschützt  und  gefördert  wurde.  Zur  Untermauerung
  der  Argumente  wurden  bei  der  Auseinandersetzung  um  die  Stadt  psychologische,
  biologische,  medizinische  und  soziologische  Erkenntnisse  der  Zeit  zu
einem  vulgärwissenschaftlichen  Gesamtbild  zusammengefügt,  das  nicht  zuletzt
dadurch,  dass  es  eine  statistisch  belegbare  und  wissenschaftlich  fundierte  Objektivität
  suggerierte,  so  viele  Anhänger  im  Bürgertum  fand.  So  versuchten  Sozialdarwinisten
  wie  Otto  Ammon  durch  Schädelmessungen  und  die  Analyse  sonstiger
  somatischer  Merkmale  wie  Haar-  und  Hautfarbe  die  körperliche  und  psychische
  Degeneration  der  Großstädter  nachzuweisen  und  zu  belegen,  dass  die
Wanderung  in  die  Großstädte  eine  negative  Auslese  und  Verkümmerung  der
Rasse  bewirkte  und  dahinsiechende  Unterschichten  auf  der  einen  wie  durch
"Uberzivilisation"  degenerierte,  zeugungsunfähige  höhere  Stände  auf  der  anderen
  Seite  schuf.
Zitate  wie  dieses  lassen  sich  in  großer  Zahl  leicht  finden;  sie  belegen  ein  zum
Teil  demagogisches  Eiferertum  und  ein  krasses  Schwarzweißdenken  der  Protagonisten.
  Allerdings  machte  man  es  sich  aus  der  Rückschau  zu  leicht,  wenn  man
die  gesamte  Vielfalt  der  damals  geäußerten  Kritikpunkte  pauschal  als  "Präfaschismus",
  "völkischen  Wahn"  oder  "regressiven  Antikapitalismus"  verurteilte.  Das
war  es  auch,  aber  immerhin  artikulierten  sich  darin  durchaus  ernst  zu  nehmende
Ängste  und  Verlusterfahrungen  der  Zeitgenossen,  die  bis  heute  keineswegs
bewältigt  sind,  im  Gegenteil!  Aber:  Die  starke  Emotionalisierung  der  Debatten
mit  ihrer  aggressiven  Stoßrichtung,  vor  allem  die  mit  dem  Anspruch  von  Wissenschaftlichkeit
  auftretende,  rassenbiologische  Fundierung  der  Argumente,  trug
auf  Dauer  mit  zu  einer  Vergiftung  des  gesellschaftlichen  Klimas  bei,  bot  Demagogen
  vielerlei  Ansatzpunkte  und  lieferte  wichtigen  Teilen  der  damaligen
jungen  Generation  entscheidende  Sinnstiftungsangebote  und  Erklärungsmo-63


            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.