Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

Anhänger  des  Vegetarismus,  bleibt  Gemischtkostier,  lernt  aber  die  merkwürdige
Breite  des  gesamten  vegetarischen  Spektrums  kennen:  "Da  gab  es  Vegetarier,
Vegetabilisten,  Rohköstler,  Frugivoren,  Vegetarianer  und  Gemischtkostier."
Knölge  findet  jedoch  bei  seinen  Erholungsreisen  z.B.  nach  Ascona  zu  dem  ab
1901/02  zu  einer  Lebensreformkolonie  ausgebauten  Monte  Verità  trotz  aller
seltsamen  Auswüchse  "unter  den  Pflanzenessern  aller  Länder",  die  sich  dort
vereinigten,  so  "manchen  friedliebenden  und  rotwangigen  Freund,  an  dessen
Seite  er  seinen  jungen  Salat  und  seinen  Pfirsich  ungestört  in  behaglichen  Tischgesprächen
  verzehren  konnte,  ohne  dass  ihn  ein  Fanatiker  der  strengen  Observanz
  seine  Gemischtkostlerei  oder  ein  reiskauender  Buddhist  seine  religiöse
Indifferenz  vorwarf."
Diese  Erfahrungen  versöhnten  ihn  mit  manchem  Obskuren!  Und  so  bleibt  er
Optimist  und  neugierig.  Eines  Tages  hört  er  von  einem  Siedlungsexperiment  in
Kleinasien,  wo  jede  Art  von  Vegetarismus  und  Kleiderreform  "ohne  den  Hohn
der  argen  Welt"  ungestört  zugelassen  sei.  So  folgt  auch  er,  neugierig  geworden,
auf  einer  Ferienreise  dem  Aufruf  "an  alle  Freunde  der  vegetarischen  und  vegetabilischen
  Lebensweise,  der  Nacktkultur  und  Lebensreform",  sich  dort  einzufinden.
  Vor  Ort  begegneten  ihm  nun  die  sonderbarsten  Typen,  unter  denen  die
"reinen  Frugivoren"  (heute  wohl  Veganer  genannt)  die  auffallendsten  waren.
Besonders  weit  unter  diesen  "fanatischen  Verächtern"  aller  anderen  Vegetarier
war  ein  gewisser  Bruder  Jonas  gekommen:  Er  lebte  in  einem  kleinen  Gehölz,  war
fast  vollständig  behaart,  trug  nur  einen  Lendenschurz,  verzichtete  auf  die  Sprache
  und  grunzte  nur  noch.  Behände  kletterte  er  von  Ast  zu  Ast,  und  seine
Daumen  und  großen  Zehen  waren  in  "wunderbarer  Rückbildung"  begriffen.  Das
Gehabe  der  Frugivoren  war  Dr.  Knölge  zuwider  und  wohl  auch  Bruder  Jonas
mochte  Knölge  nicht  leiden:  Immer  wenn  dieser  an  seinem  Gehölz  vorbeikam,
fletschte  er  die  Zähne  und  fauchte  zornig.  Am  Abend  vor  seiner  Rückfahrt  in  die
Zivilisation  -  der  Vollmond  schien  -  überkam  Knölge  Sehnsucht  auf  seine
Fleischesserjahre;  zudem  pfiff  er  ein  Studentenlied,  als  er  an  dem  Gehölz  vorbeibummelte
  und  sich  schließlich  vor  Jonas  ironisch  verbeugte:  "Sie  erlauben,  dass
ich  mich  vorstelle,  Dr.  Knölge!"  Das  Finale  der  Geschichte  nun  wörtlich:
"Da  warf  der  Gorilla  mit  einem  Wutschrei  seine  Keule  fort,  stürzte  sich  auf  den
Schwachen  und  hatte  ihn  im  Augenblick  mit  seinen  furchtbaren  Händen  erdrosselt.
  Man  fand  ihn  am  Morgen,  manche  ahnten  den  Zusammenhang,  doch
wagte  niemand  etwas  gegen  den  Affen  Jonas  zu  tun,  der  gleichmütig  im  Geäste
seine  Nüsse  schälte.  Die  wenigen  Freunde,  die  sich  der  Fremde  während  seines
Aufenthaltes  im  Paradiese  erworben  hatte,  begruben  ihn  in  der  Nähe  und
steckten  auf  sein  Grab  eine  einfache  Tafel  mit  der  kurzen  Inschrift:  Dr.  Knölge,
Gemischtkostier  aus  Deutschland."
Der  Autor  der  Geschichte,  es  war  Hermann  Hesse,  geboren  1877,  also  damals
etwa  dreißig  Jahre  alt,  hatte  selbst  Monte-Verità-Erfahrungen  gesammelt  und
ironisiert  hier  mit  sanftem  Spott  und  freundlicher  Distanz  ein  Phänomen,  das  seit

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