Schon um die Jahrhundertwende wollte man in den großen Firmen über Fotografie
die immer komplexeren Organisationsabläufe erfassen und dadurch stärker
kontrollieren. Insofern kann man die "klassische" Industriefotografie der Ebene
der Systemintegration zuordnen. Es erschienen durchaus Menschen, Arbeitende
auf den Bildern, die aber gerade deswegen angefertigt wurden, um später als
Unterlagen für die Betriebsorganisation zu dienen. In einer Instruktion für
Werksfotografen einer Firma aus dem Jahr 1907 heißt es, "Personen sollen auf
Bildern, die technische Objekte darstellen, im allgemeinen nur dann erscheinen,
wenn sie zur Erläuterung des betreffenden Betriebes und der Größenverhältnisse
dienen oder für die Belebung des Bildes erwünscht sind."15 Soweit für die
Publikation gedacht, sollten sie die Eingliederung der Arbeitenden in den
harmonischen Betriebsablauf demonstrieren, bei der sich technische Genialität
und praktische Finesse, der fortdauernde Einsatz von Vorgesetzten und Arbeitern
bewähren.16 In der einschlägigen Bilderproduktion der neuen Industrien
(Maschinenbau, Chemie, Energieerzeugung) erschienen als Protagonisten die
Maschinen, die Arbeiter als Beiwerk. Zum Sujet "Menschen am Arbeitsplatz" in
der AEG-Werksfotografie bemerkte Kerstin Lange, dass man die Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter "vor allem als Mittel der Veranschaulichung und als belebende
Staffage" benötigt habe, "an ihrer Person bestand kein Interesse" und Lange
folgert daraus: "Trotz ihrer scheinbaren Authentizität haben die Aufnahmen rein
repräsentativen Charakter; sie wurden hergestellt, um auf die Leistungsfähigkeit
und Modernität der AEG zu verweisen.'"1
In seinem paradigmatischen Werk über die Industriefotografie des Ruhrgebiets
behandelt Reinhard Matz deren genaue Definition recht beiläufig: "Müssen
industriell gefertigte Produkte an einem bestimmten Ort oder in einer bestimmten
Weise fotografiert sein, um dazuzugehören? Wie sind aus dem Produktionszusammenhang
losgelöste Porträts von Unternehmern, Vorstandsmitgliedern,
Angestellten oder Arbeitern einzuordnen? Was ist mit den zahlreichen Fotos
von Hauptversammlungen, Betriebsfeiern und Besuchen?"Is Matz entscheidet
sich dafür, unter Industriefotografie das zu fassen, was er in den Werksarchiven
vorfand; dies ist zwar sehr praktisch gedacht, führt uns hier aber nicht weiter.
Prinzipiell erscheint aber der Definitionskern von Matz sinnvoll, dass im Mittelpunkt
der Industriefotografie stets das Werk, nicht die Menschen stehen. Menschen
kommen in ihr demnach nur vor, soweit sie zur Beseelung von sonst
unmenschlich wirkenden Produktionsanlagen dienen, soweit sie bestimmte
Zwecke der Auftraggeber erfüllen. Die Fotografien subsumieren die dargestellten
Menschen als reine Funktionsträger, etwa, um die Proportionen der Werkstücke
15 Zit. nach Kerstin Lange, Die Bilder der AEG. Material, Sprache und Entstehung, in: Die
AEG im Bild, hrsg. von Lieselotte Kugler. Berlin 2000, S. 9-22, hier S. 22.
16 Lüdtke (Anm. 2), S. 402f.
17 Lange (Anm. 15), hier S. 16.
18 Matz (Anm. 1), S. 9.
379