Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

bei,  die  man  später  auch  an  anderen  Orten  fand.  Die  Bewegung  gewann  eine
gewisse  Kraft  im  deutsch  annektierten  Lothringen,  wo  religiöse  Aspekte  und
nationalistische  Interessen  eng  ineinander  griffen.  Gegenüber  den  Unternehmern
appellierte  man  hier  ebenso  an  die  Verantwortung  für  protestantische  Seelen,  wie
man  die  kulturelle  Grenze  betonte,  die  gegenüber  einem  katholischen  französischen
  Lothringen  zu  verteidigen  sei.  Der  Bau  von  Gotteshäusern  und  der
Ausbau  protestantischer  Gemeinden  in  Lothringen  bedeutete  auch  Verteidigung
des  Deutschtums  gegenüber  den  "papistischen"  oder  "ungläubigen"  Welschen.
Wieder  waren  es  oft  die  Pastoren,  welche  an  die  Unternehmen  herantraten,  und
nicht  umgekehrt.  So  wurden  die  Rombacher  Hüttenwerke  auf  diese  Weise  dazu
veranlasst,  sich  an  der  Gründung  einer  protestantischen  Gemeinde  in  Rombas  zu
beteiligen  und  nolens  volens  deren  Gotteshaus  zu  finanzieren,  für  das  Fabrikangestellte
  auch  den  Bauplan  entwarfen.
Das  bedeutet  nicht,  dass  die  Verwalter  und  Unternehmer  an  die  "moralischen"
Aspekte  ihrer  Wohnungspolitik  nicht  gedacht  hätten,  doch  erscheint  dies  in
keiner  Weise  in  den  Quellen.  Wenn  die  Siedlung  als  ein  soziales  Werk  mit
entsprechenden  Prinzipien  anzusehen  war,  so  müsste  dies  in  der  Gestaltung  der
Mieten  deutlich  werden.
Die  Mieten  waren  in  der  Tat  ein  wichtiges  Element  der  Wohnungspolitik.  Wieder
  muss  man  hier  allerdings  gegen  überkommene  Ideen  angehen:  die  Unternehmen
  boten  ihren  Arbeitern  Wohnraum  weder  kostenlos  noch  zu  besonders
niedrigen  Preisen.  Zwischen  1850  und  1940  stellten  nur  wenige  Unternehmen
in  Lothringen  ihre  Häuser  kostenlos  zur  Verfügung.  Nach  einer  Untersuchung
von  1898  waren  es  im  deutschen  Lothringen22  nur  drei:  die  Cristallerie  von
Saint-Louis  sowie  die  Glasfirma  Hirsch  und  Hammel  und  die  Metallfirma
Couleaux  in  Bärenthal.  Eine  Mehrheit  von  kostenlosen  Wohnungen  traf  man
bei  der  Firma  Gouvy  in  Hombourg-Haut  und  der  Glasfirma  Vallerysthal  an,  im
französisch  gebliebenen  Lothringen  bei  der  Cristallerie  Baccarrat  und  bei  Gouvy
in  Dieulouard,  die  zu  Gouvy  in  Hombourg-Haut  gehörte.  An  diesen  Beispielen
zeigt  sich  die  Bindung  von  Firmen  alten  Typs  an  das  Prinzip  der  kostenlosen
Wohnung.  Mit  dem  Aufstieg  der  Industrie  und  der  Frage  des  Wohnens  für  eine
unablässig  steigende  Zahl  von  Arbeitern  wurde  die  Erhebung  von  Mieten
unvermeidlich,  auch  wenn  das  Arbeitern,  welche  häufig  vom  Land  kamen  und
schwer  verstanden,  weshalb  sie  für  ein  Dach  über  dem  Kopf  bezahlen  mussten,
nicht  leicht  zu  vermitteln  war.
Natürlich  stand  dahinter  das  Problem  der  Miethöhe.  Hier  spielten  mehrere  Elemente
  mit,  deren  Prioritäten  in  den  Archiven  nicht  klar  erscheinen.  Wie  für  die
Arbeitskräfte  insgesamt,  sah  man  die  Frage  vor  allem  unter  Marktgesichtspunkten:
  Die  Mieten  durften  diejenigen  in  der  Umgebung  natürlich  nicht  übersteigen,
sie  mussten  aber  auch  hinreichend  niedrig  sein,  um  keinen  Druck  auf  Lohn¬22

 Beschaffung  von  Familienwohnungen  {ADMos  8  AL  356).

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