Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

lothringischen  Unternehmerschaft  zu  erhalten.  Auch  Jean-Marie  Moine,18  einer
der  besten  Kenner  dieses  Milieus,  konstatiert  die  Schwierigkeit,  dies  konkret  zu
fassen.
Abgesehen  von  Armand  Lederlin,  Gründer  der  Blanchisserie-Teinturerie  de
Thaon  und  aktiver,  sogar  selbst  den  Gottesdienst  übernehmender  Protestant,
waren  kirchliche  Kreise  offenbar  eher  geneigt,  auf  die  Firmenleitungen  zuzugehen,
  als  umgekehrt.1 20''  Die  Familie  de  Wendel,  herausragende  Repräsentantin  des
katholischen  Unternehmertums,  zögerte  manchmal  durchaus  bei  der  Realisierung
der  von  Kirchenvertretern  geforderten  Ausstattungen  im  religiösen  Bereich.  Man
verweist  oft  auf  die  Zahl  der  Kirchen,  die  sie  errichtet  habe.  Dabei  ist  aber  die
Dauer  dieser  Werke  nicht  zu  vergessen.  Das  wird  am  Beispiel  von  Joeuf  sehr
deutlich.  Die  Siedlung  entstand  seit  1881.  In  den  Plänen  stand,  so  sagt  man,
auch  eine  Kirche.  Aber  die  Jahre  vergingen  -  und  es  gab  immer  noch  keinen
Kirchturm  über  den  Arbeiterhäusern.  Die  Protokolle  der  Aktionärshauptversammlung
  (vor  allem  die  Familien  Schneider  und  de  Wendel)  spiegeln  keine  übermäßige
  Eile  wieder.  So  liest  man  dort  im  Protokoll  von  1882:  "Wir  müssen  auch
den  Gottesdienst  finanzieren,  für  den  man  von  uns  die  Errichtung  eines  Bauwerkes
  im  Zentrum  unserer  Siedlung  verlangt  hat  [on  nous  avait  demandé].  Wir
denken,  dass  es  genügt,  die  gegenwärtige  Kirche  auszubauen,  was  nicht  sehr
teuer  käme,  und  das  andere  Projekt  aufzuschieben."2I)  Die  nächsten  Anspielungen
  auf  die  Kirche  ließen  in  diesen  Protokollen  bis  1896  (also  zehn  Jahre)
auf  sich  warten,  weitere  erfolgten  1899,  1903  und  schließlich  1910,  als  die
Entscheidung  zum  Bau  der  Kirche  der  Siedlung  Génibois  erfolgt.  Ähnliche
Beispiele  gibt  es  für  die  anderen  Standorte  der  Firma.  An  den  Hochöfen  von
Chiers  wurde  die  Frage  der  Kirche  nur  zweimal  genannt,  und  erst  1899:  einmal
im  Februar  1899,  als  der  Vorstand  200  Francs  für  die  Kirche  von  Longlaville
beschloss,  und  im  April  1890,  als  derselbe  Vorstand  der  Stadt  Longwy
2000  Francs  für  den  Bau  einer  Kirche  in  Gouraincourt  gewährte.21
Sicherlich  fühlten  sich  protestantische  Unternehmer  zum  Bau  von  Gotteshäusern
stärker  motiviert,  doch  beruhte  dieses  Engagement  auf  einer  aktiven  Tätigkeit  für
die  Kirche.  Das  lässt  sich  beispielsweise  seit  den  1850er  Jahren  mit  dem  Bau  der
protestantischen  Kirche  von  Ars-sur-Moselle  durch  die  Industriellen  Karcher  und
Westermann  feststellen;  hier  trug  dazu  eine  für  Minderheiten  typische  Haltung

18  Jean-Marie  Moine,  Les  Barons  du  fer.  Les  maîtres  de  forges  en  Lorraine.  Metz  1989,  vgl.
bes.  S.  320f.
19  Serge  Bonnet,  Sociologie  politique  et  religieuse  de  la  Lorraine.  Paris  1972.
20  Forges  de  Joeuf,  Hauptversammlung,  29.5.1882  (EAUS  versement  111,  carton  6;  Hervorhebung
  L.  C.).  Dreierlei  ist  hier  bemerkenswert:  Die  Forderung  kam  von  außerhalb  des
Unternehmens,  in  diesem  Fall  dem  Bischof  von  Nancy;  im  Hinblick  auf  die  Kosten  war  kein
sehr  großzügiger  Elan  gegenüber  der  Kirche  zu  beobachten;  drittens  schließlich  wurde  das
Projekt  sine  die  aufgeschoben.
21  Hauts-fourneaux  de  la  Chiers,  Procès-verbaux  du  Conseil  d'administration  (ADMM
1  144  W).

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