Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

Die  bisher  vornehmlich  in  den  Blickpunkt  gestellten  temporären  Inwertsetzungen
  industriekultureller  Relikte  rechtfertigen  generell  keine  Eingriffe  in  deren
historische  Substanz.  Unter  Beachtung  dieser  Maxime  kommen  für  Aufwertungen
  durch  zeitweilige  Inwertsetzungen  selbstverständlich  nicht  nur  Objekte
ohne  momentane  Neunutzungsperspektiven  in  Betracht,  sondern  prinzipiell
jedes  industriekulturelle  Relikt.
Im  Gegensatz  zu  den  temporären  inwertsetzungen  sind  Substanzveränderungen
bei  auf  Dauer  angelegten  Nachfolgenutzungen  in  der  Regel  unvermeidbar.
Allerdings  sollte  im  Hinblick  auf  die  kulturlandschaftliche  Identitätserhaltung
stets  auf  eine  Eingriffsminimierung  hingewirkt  werden.  Dieses  Gebot  gilt  uneingeschränkt
  auch  für  permanente  Inwertsetzungen.  Hiermit  ist  in  erster  Linie
der  Bereich  der  bleibenden  künstlerischen  Ausgestaltungen  angesprochen.
Entsprechende  Einbringungen  und  Umgestaltungen,  wie  in  jüngerer  Vergangenheit
  z.B.  auf  einigen  Bergehalden  im  Ruhrgebiet  praktiziert,  sollten  im  Grunde
jedoch  auf  industriekulturelle  Relikte  beschränkt  bleiben,  die  -  abgesehen  von
in  bescheidenem  Umfang  bisweilen  vorhandenen  Freizeit-  und  Erholungsfunktionen
  -  keine  Potenziale  für  stabile  Nachfolgenutzungen  besitzen.
Beispiele  für  eher  rudimentäre  Nutzungsmöglichkeiten  im  Bereich  des  Freizeitund
  Erholungssektors  finden  sich  auf  zahllosen  aufgelassenen  Industrieflächen,
auf  denen  sich  eine  natürliche  Sukzession  vollzieht.  Die  so  genannte  "Industrienatur"
  ermöglicht  es  unter  der  Voraussetzung  der  Zugänglichkeit  der  betreffenden
  Areale,  eine  sich  selbst  regulierende  Natur  zu  erleben,  die  kaum  äußeren
Zwängen  unterliegt.
Durch  das  Erleben  derartiger  natürlicher  Rückeroberungsprozesse  können  selbst
verfallende  industriekulturelle  Relikte  positiv  besetzte  Symbolwirkungen  bei  der
autochthonen  Bevölkerung  entfalten.44  Demgegenüber  stehen  unter  dem  Ausschluss
  der  Öffentlichkeit  dem  Verfall  überlassene  Relikte  in  ihren  kollektiven
symbolischen  Bedeutungsinhalten  vorwiegend  oder  gar  ausschließlich  nur  für
den  Niedergang  der  Industrie  im  betreffenden  Raum,  den  Zerfall  historisch
gewachsener  Strukturen,  den  Verlust  von  Arbeitsplätzen  usw.
Die  Erlebbarmachung  von  natürlichen  Sukzessionsprozessen  willentlich  als  eine
finale  Strategie  für  den  Umgang  mit  industriekulturellen  Relikten  zu  verfolgen,
ist  aber  nur  in  Ausnahmefällen  zu  akzeptieren:  etwa  bei  bestimmten  Objekttypen
wie  z.B.  Bergehalden  oder  dann,  wenn  sich  alle  anderen  denkbaren  Alternativen
als  absolut  undurchführbar  herausgestellt  haben.  Sofern  es  sich  bei  einem
industriekulturellen  Relikt  um  ein  Objekt  von  hoher  kulturlandschaftlicher
Eigenartbedeutung  handelt,  sollten  stets  alle  Anstrengungen  unternommen
werden,  mittels  geeigneter  Umnutzungs-  und  Inwertsetzungsmaßnahmen  dem

44 Zu  möglichen  Symbolwirkungen  natürlicher  bzw.  naturnaher  Phänomene  vgl.  z.B.  Hoisl,
Nohl,  Zekom  u.  Zöllner  (Anm.  11),  S.  28;  Jörg  Zimmermann,  Zur  Geschichte  des  ästhetischen
  Naturbegriffs,  in:  Das  Naturbild  des  Menschen,  hrsg.  von  Jörg  Zimmermann.  München
1982,  S.  118-154,  hier  S.  140f.

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