Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

erhaltung  wird  sich  dagegen  durch  eine  ausschließliche  Sicherung  vereinzelter
industriekultureller  "Highlights"  zumeist  kein  hoher  Zielerreichungsgrad  verwirklichen
  lassen.
Ein  Kennzeichen  zahlreicher  industriell  geprägter  Räume  ist  neben  deren  Dynamik
  auch  die  Komplexität  ihres  Bestandes  an  industriekultureHen  Relikten
unterschiedlicher  Branchen  und  unterschiedlicher  zeitlicher  Entstehung.27 28  Überdies
  sind  bzw.  waren  viele  Relikte  integrierende  Bestandteile  rezenter  respektive
vormaliger  räumlicher  Vemetzungssysteme.  Soll  aus  einer  Kulturlandschaft  ihre
Industriegeschichte  ablesbar  bleiben,  müssen  daher  unter  anderem  auch  genetisch-kausale
  Abfolgen  und  Zusammenhänge,  räumliche  Beziehungen  und
historische  anthropogen-funktionale  Verflechtungen  zwischen  industriekulturellen
  Relikten  unterschiedlichen  oder  gleichen  Typs  materiell  identifizierbar
bleiben.2X  Aus  dieser  Forderung  sowie  aus  der  dargelegten  Motivation,  zur
Befriedigung  bestimmter  raumbezogener  emotionaler  Bedürfnisse  der  autochthonen
  Bevölkerung  beizutragen,  resultieren  mehrere  essenzielle  Konsequenzen
für  die  Bewahrung  industriekultureller  Relikte:
1.  Die  Erhaltung  darf  sich  nicht  auf  kulturhistorische  Gebäude  und  Fertigungsanlagen
  industrieller  Betriebe  beschränken,  sondern  muss  prinzipiell  auch
maßgebliche  -  mit  der  betreffenden  industriellen  Produktion  ehemals  oder  noch
heute  vergesellschaftete  -  Objekte  einbeziehen.
Je  nach  Typ  und  Komplexität  der  Beziehungsgefüge  können  dies  z.B.  sein:
Schienen-  und  Wasserwege,  Rohstoffgewinnungsstellen,  Materialumschlagplätze,
  Halden,  Wasserbehälter,  Einfriedungen  von  industriearealen,  eindeutig
einem  Industriebetrieb  zuzuordnende  Wohngebäude  und  -Siedlungen  oder  auch
bestimmte  bauliche  Anlagen,  bei  denen  in  einem  Betrieb  der  jeweiligen  Schlüsselindustrie
  gefertigte  Baustoffe  verwendet  wurden.29  Bei  Vorliegen  entsprechender
  genetisch-kausaler  Relationen  können  des  Weiteren  durchaus  auch  gewerbliche
  Relikte  aus  vorindustrieller  Zeit  -  in  Montanindustrieregionen  etwa  mittelalterliche
  Eisenerzgruben,  Eisenschmelzen,  Meilerplätze,  Kohlepingenfelder  u.a.  -
Berücksichtigung  finden.30
2.  Es  sind  auch  industriekulturelle  Relikte,  die  keinen  herausragendem  kulturhistorischen
  Dokumentationswert  besitzen,  in  eine  dauerhafte  Sicherung  einzubeziehen,
  sofern  sie  -  einzeln  oder  in  einer  Vergesellschaftung  -  eine  gewichtiarchäologie.

  Darmstadt  1982,  S.  177.
27  Vgl.  Quasten  u.  Wagner  {Anm.  15),  S,  250  f.
28  Vgl.  Judith  Alfrey  u.  Tim  Putnam,  The  Industrial  Heritage.  Managing  resources  and  uses.
London/New  York  1992,  S.  135;  Reinhard  Roseneck,  Denkmallandschaft  -  Museumslandschaft,
  in:  Museum  und  Denkmalpflege.  Bericht  über  ein  internationales  Symposium,
veranstaltet  von  den  ICOM-  und  ICOMOS-Nationalkomitees  der  Bundesrepublik  Deutschland,
  Österreichs  und  der  Schweiz  vom  30.  Mai  bis  1.  Juni  1991  am  Bodensee,  hrsg.  von
Hermann  Auer.  München  u.a.  1992,  S.  62-72,  hier  S.  62.
29  Vgl.  Quasten  u.  Wagner  (Anm.  15),  S.  256.
30  Vgl.  Wagner  (Anm.  15),  S.  32.

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