Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

ändernde  raumwirksame  gesellschaftliche  Strukturen  gehört.  Die  Länge  der
Zeiträume  bis  zum  kulturlandschaftlichen  Kollaps  dürften  sich  allerdings  in
Abhängigkeit  vom  Kulturlandschaftstyp  merklich  unterscheiden:  Im  Falle  von
Industrielandschaften,  die  für  gewöhnlich  durch  eine  traditionell  recht  hohe
Intensität  ihres  permanenten  Kulturlandschaftswandels  gekennzeichnet  sind,2’
wäre  im  Allgemeinen  eine  kürzere  Zerfallszeit  anzunehmen  als  z.B.  bei  Agraroder
  Waldlandschaften.  Über  die  zuvor  formulierten  Einwände  hinaus  ist  in
industriell  geprägten  Räumen  eine  Totalkonservierung  auch  aus  einer  Reihe
anderer  Gründe  abzulehnen.  Exemplarisch  erwähnt  seien  hier  nur  die  Notwendigkeiten
  zu  sozio-ökonomischen  Strukturänderungen,  zu  ökologisch  verträglichen
  Fortentwicklungen  und  zum  gesellschaftlich  verantwortbaren  Einsatz
begrenzt  verfügbarer  finanzieller  Mittel.
Die  Identität  einer  Kulturlandschaft  ist  -  wie  bereits  ausgeführt  -  wesentlich  durch
ihre  kulturhistorische  Entwicklung  begründet.  Diese  findet  ihren  materiellen
Niederschlag  in  kulturlandschaftlichen  Relikten,23 24  deren  Entstehung  und/oder
Gestaltung  auf  frühere,  heute  nicht  mehr  existente  gesellschaftliche  Strukturen2'
zurückgehen.  Derartige  Relikte  -  Nutzungsformen  und  Objekte  einschließlich
ihrer  räumlichen  und  formalen  Merkmale  sowie  ihrer  assoziativen  Beziehungen
untereinander  -  sind  folglich  stets  als  kulturhistorische  Relikte  anzusehen.  Sie
lassen  sich  klassifizieren  in  tradierte  Relikte,  die  trotz  geänderter  gesellschaftlicher
  Strukturen  auch  in  der  Gegenwart  noch  lebendig  sind,  einerseits  und  in
fossile  Relikte  andererseits.
Genauso  wie  einem  weiträumigen  restriktiven  Gebietsschutz  eine  Eignung  für
die  kulturiandschaftliche  Identitätserhaltung  in  industriell  geprägten  Räumen
abgesprochen  werden  muss,  gilt  dies  ebenfalls  für  die  Erhaltung  des  jeweiligen
Gesamtbestandes  an  industriekulturellen  Relikten.  Auch  dies  würde  -  mit  vergleichbaren
  Folgen  wie  oben  skizziert  -  in  einen  anachronistischen  Konservatismus
  münden.
Eine  grundlegend  andere  Alternative  stellt  die  Konzentration  der  Erhaltungsaktivitäten
  auf  nur  wenige,  besonders  hochwertige  Industriedenkmale  dar.  Eine
solche  Beschränkung  kann  -  abgesehen  von  der  Knappheit  verfügbarer  Finanzressourcen
  -  z.B.  auf  dem  von  der  Bau-  und  Bodendenkmalpflege  längere  Zeit
vorrangig  verfolgten  Ziel  fußen,  aus  einer  Mehrzahl  von  industriekulturellen
Objekten  eines  jeweils  signifikanten  Typs  wenigstens  eines  auszuwählen  und
zu  erhalten.26  Hinsichtlich  der  angestrebten  kulturlandschaftlichen  Identitäts
23  Vgl.  Quasten  u.  Wagner  (Anm.  15),  S.  250-252;  Wagner  (Anm.  15),  S.  29f;  s.  auch
Anm.  14.
24  Vgl.  Quasten  u.  Wagner  (Anm.  3),  S.  84;  Wagner  (Anm.  3),  S.  55f.
25  Unter  "gesellschaftlichen  Strukturen"  werden  in  einem  umfassenden  Sinne  insbesondere
die  sozialen,  politischen,  ökonomischen  und  räumlichen  Strukturen  des  menschlichen
Zusammenlebens  und  Zusammenwirkens  verstanden,  einschließlich  der  mit  diesen  Strukturen
  verbundenen  verinnerlichten  Ideale.
26  Vgl,  Quasten  u.  Wagner  (Anm.  15),  S.  254f;  Rainer  Slotta,  Einführung  in  die  Industrie¬352


            
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