Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

Besonders  tief  greifende  Transformationsprozesse  vollziehen  sich  in  Europa
gegenwärtig  in  vielen  industriell  geprägten  Räumen.14  Die  betreffenden  Entwicklungen
  finden  ihren  kulturlandschaftlichen  Niederschlag  unter  anderem  in
zahllosen  aufgegebenen  Produktionsanlagen  bis  hin  zum  kompletten  Brachfallen
  ausgedehnter  Industrieflächen,  auf  denen  nicht  selten  im  Rahmen  eines
nachfolgenden  Flächenrecycling  sämtliche  Zeugnisse  der  vorausgegangenen
industriellen  Produktion  entfernt  wurden.15
Zahlreichen  Kulturlandschaften  droht  heute  -  zumindest  tendenziell  -  der  Verlust
ihrer  historisch  gewachsenen  Identität.  Diesem  Trend  entgegenzuwirken  und
damit  das  in  einem  historischen  Prozess  herausgebildete,  räumlich  differenzierte
Muster  unterschiedlicher  Kulturlandschaften  zu  erhalten,  ist  die  unstrittige
zentrale  Zielsetzung  der  modernen  Kulturlandschaftspflege.  Uneinheitlich  sind
hingegen  die  Beweggründe,  auf  denen  diese  Zielsetzung  für  die  einzelnen
Akteure  im  Bereich  der  Kulturlandschaftspflege  basiert:  abgesehen  von  wissenschaftlichen
  Beweggründen  stehen  -  insgesamt  betrachtet  -  vor  allem  ethische,
soziale  und  ökonomische  Motive  im  Vordergrund.
Kulturlandschaftliche  Identität  wird  bekanntlich  in  hohem  Maße  durch  das
regional  differenzierte,  aus  der  Geschichte  überlieferte  kulturelle  Erbe  in  der
Kulturlandschaft  mitbestimmt.  In  einem  ethischen  Kontext  stehen  daher  insbesondere
  die  Verpflichtungen,  dieses  kulturelle  Erbe  als  Vermächtnis  vergangener
  Generationen  zu  respektieren,  es  als  Wert  an  sich  in  seiner  kulturhistorischen
Aussagekraft16  zu  bewahren  und  an  zukünftige  Generationen  weiterzugeben,  um
auch  diesen  -  mittels  authentischer  kulturhistorischer  Relikte  -  materielle  Erfahrungen
  mit  der  Kulturgeschichte  des  betreffenden  Raumes  zu  ermöglichen.

Losch,  Beschleunigter  Kulturlandschaftswandel  durch  veränderte  Raumnutzungsmuster.
Herausforderung  für  die  Kulturlandschaftserhaltung  und  für  die  Raumordnung,  in:  Erhaltung,
S.  311-320;  Walter  Mrass,  Ökologische  Entwicklungstendenzen  im  ländlichen  Raum  und
ihre  Auswirkungen  auf  die  Flurbereinigung,  in:  Fachtagung  1980  München  "Flurbereinigung
und  Umweltgestaltung'’,  hrsg.  vom  Bayerischen  Staatsministerium  für  Ernährung,  Landwirtschaft
  und  Forsten.  Abteilung  Ländliche  Neuordnung  durch  Flurbereinigung.  München  1981
(=  Berichte  aus  der  Flurbereinigung;  37),  S.  29-40,  hier  S.  29;  Wagner  (Anm.  3),  S.  35-37.
14  Schon  in  früheren  Zeiten  waren  viele  industriell  geprägte  Räume  durch  einen  im  Vergleich
  zu  anders  ausgestatteten  Räumen  deutlich  stärkeren  permanenten  Kulturlandschaftswandel
  gekennzeichnet.  Die  Ursachen  dafür  liegen  vor  allem  in  einigen  speziellen  Charakteristika
  der  industriellen  Fertigung.  Hierzu  zählen  z.B.  die  fortschreitende  Diversifizierung
von  Produktionsprozessen,  in  deren  Zuge  sich  den  jeweiligen  Schlüsselindustrien  eine
Vielzahl  von  Zuliefer-  und  Weiterverarbeitungsindustrien  im  selben  Raum  zugesellt  haben,
sowie  im  Zusammenhang  mit  betrieblichen  Weiterentwicklungen  regelmäßig  auftretende
Erscheinungen  wie  der  Abriss  bzw.  Abbau  veralterter  Einrichtungen,  räumliche  Ausdehnungen
  von  Betriebsgeländen,  betriebliche  Standortverlagerungen  etc.
15  Vgl.  Heinz  Quasten  u.  Juan  Manuel  Wagner,  Kulturlandschaftspflege  in  altindustrialisierten
  Räumen,  in:  Berichte  zur  deutschen  Landeskunde  74  (2000)  3,  S.  249-282,  hier  S.  25  lf;
Juan  Manuel  Wagner,  Ziele  und  Leitbilder  der  Kulturlandschaftspflege  in  industriell
geprägten  Räumen,  in:  Bodendenkmalpflege  und  Industriekultur,  hrsg.  vom  Landschaftsverband
  Rheinland  -  Rheinisches  Amt  für  Bodendenkmalpflege.  Köln  2002  (=  Materialien
zur  Bodendenkmalpflege;  13),  S.  29-33,  hier  S.  30.
16  Vgl.  Quasten  (Anm.  8),  S.  26.

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