Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

Die  französische  Grubenverwaitung  ging  mit  äußerster  Schärfe  gegen  die  Streikenden
  vor.  Zunächst  wurde  Druck  auf  die  Gewerkschaften  ausgeübt,  Sicherheitsmänner
  und  Zahlstellenleiter  entlassen.  Bergleuten,  die  Streikführer  waren,
und  Gewerkschaftsfunktionären  wurde  von  heute  auf  morgen  die  Werkswohnung
  gekündigt,  in  einem  Klima,  das  zunehmend  durch  "entweder-oder-Kategorien"
  geprägt  war,  entstand  eine  nationale  Konfrontation  zwischen  Frankreich
und  den  Saarbergleuten.  Sie  nahm  Züge  eines  militärisch  ausgetragenen  Konflikts
  an,  als  französisches  Militär  gegen  die  Streikposten  vorging.  Der  Streik
wurde  zum  Schlüsselerlebnis  in  der  Biographie  wohl  jedes  einzelnen  Bergmannes
  und  national  gedeutet  als  Chiffre  des  Selbstbehauptungswillens  der
Saarländer  gegen  die  Franzosen.  Die  von  den  Gewerkschaften  ausgegebene
Losung  "Sein  oder  Nichtsein"  entsprach  der  Übertragung  eines  Modells  der
Kriegsbewältigung  auf  eine  Tarifauseinandersetzung.  Der  Streik  wurde  damit  zu
einem  potenzierten  Fahnenstreit.41  Er  markiert  zugleich  eine  Zäsur.  Es  entstand
ein  öffentliches  Klima,  alles  Undeutsche  auszugrenzen,  ein  Freund-Feind-Denken
  breitete  sich  aus.  Internationalismus  und  Völkerverständigung  wurden  in
der  Öffentlichkeit  zu  schwer  vermittelbaren  Überzeugungen.  Die  französische
Grubenverwaltung  entließ  Bergleute,  die  ihre  Kinder  nicht  in  die  Domanialschulen
  schickten.  Besser  bezahlte  Positionen  wurden  vorzugsweise  an  Personen
  mit  frankophiler  Neigung  vergeben,  die  französische  Grubenverwaltung
wurde  zum  Feindbild.  Dazu  passte  auch  das  tägliche  "Antreiber-  und  Strafsystem"
  durch  französische  Grubenbeamte  und  das  Schikanen-  und  Spitzeltum.
Letzteres  war  typisch  für  die  politische  Kultur  jener  Jahre.42  Die  Dominanz
nationaler  Denkmuster  führte  innerhalb  der  Gewerkschaftslandschaft  zu  deutlichen
  Kräfteverschiebungen  zu  Lasten  der  freien  Gewerkschaften,  aber  auch  zu
einer  Schwächung  der  Gewerkschaften  allgemein.
Die  Kreise  innerhalb  des  BAV,  die  politisch  ihre  Heimat  in  der  USPD  hatten,
hatten  ab  1919  versucht,  die  besondere  politische  Situation  und  die  Widersprüche
  zwischen  Deutschland  und  Frankreich  für  die  sozialen  Interessen  der  Bergleute
  zu  nutzen.  Ihnen  ging  es  vor  allem  um  eine  Angieichung  der  saarländischen
  Lebensverhältnisse  an  Lothringen.  Deshalb  setzte  der  BAV  die  Frankenentlohnung
  durch,  die  für  kurze  Zeit  den  Bergleuten  goldene  20er  Jahre  schenkte.
  Dagegen  distanzierten  sich  Teile  der  SPD  wie  auch  mit  ihr  verbundene  Kräfte
innerhalb  des  BAV  von  dieser  Politik  wie  aber  auch  die  Gewerkschaft  Christlicher
  Bergleute  (GCB).  Dies  schwächte  den  BAV  und  schadete  ihm  auch  wie
Konsul  Koechlin  in  einem  Vermerk  für  den  Quai  d'Orsay  feststellte.43  Denn  die
wirtschaftliche  Situation  verschlechterte  sich  wieder,  der  Franc  war  seit  Juni
1923  alleiniges  Zahlungsmittel  und  spätestens  mit  der  Ruhrbesetzung  herrschte

41  Linsmayer  (  Anm.  37),  S.  216-222,  285.
42  Ebd.,  S.  216-218.
43  Vermerk  (Note)  von  Koechlin  für  M.  Laroche  vom  24.3.1923  (MAE,  Série  Z  Europe,
Sous-Série  Sarre,  Questions  Sociales,  Doss.  119,  BL  22).

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