Staat. s Für das Zentrum und die christlichen Gewerkschaften war Preußen aus
den Erfahrungen des Kulturkampfes Symbol der Repression, für Sozialisten
und freie Gewerkschaften Symbol der politischen Unterdrückung. Diese Stimmung
begann sich aber zu ändern, als Frankreich im Kontext ungünstiger
Wirtschaftsverhältnisse an die Stelle der Preußen trat und das Gefühl militärischer
Besetzung deutlich wurde. Die Gruben wurden in drei Gruppen zusammengefasst
und einem "ingénieur en chef' unterstellt. Französische Ingenieure
übernahmen die Funktionen der preußischen Bergassessoren. Gerade in den
ersten Monaten traten sie betont respektvoll und anerkennend gegenüber den
Kumpeln auf und grüßten sie mit: "Bonjour monsieur, ça va bien". Aus der
Perspektive der Arbeiter waren Inflation und Währungsdualismus aber Folge der
Sondersituation und verantwortlich für soziale Friktionen. Hinzu kam, dass sich
auch politisch im Landesrat keine Gestaltungsmöglichkeiten ergaben. Hunger
und Elend führten 1919 zu Plünderungen und Streiks. Akteure des Spartakus-Aufstandes
waren durch die soziale Situation radikalisierte Arbeiter und Bergleute
vor allem aus der jüngeren Generation. Die Krawalle ergriffen weite Teile des
Saarreviers, so etwa Saarbrücken, Neunkirchen, St. Wendel, Illingen, Dudweiler
und Merchweiler. Es waren neun Tote zu beklagen, der Belagerungszustand
wurde verhängt, französische Soldaten gegen die Aufständischen eingesetzt und
der Gewerkschafter Jakob Johannes zum Tode verurteilt. Trotz sozialer Ursachen
gewann damit die Auseinandersetzung in ihrer Rezeption einen nationalen
Aspekt, zumal die Franzosen Marokkaner gegen die Saarländer eingesetzt hatten.
Jakob Johannes wurde in den folgenden Jahren von der NS-Propaganda zum
Märtyrer erhoben.'4 Der Durchbruch nationaler Deutungsmuster in der Arbeiterbewegung
und den Gewerkschaften vollzog sich mit dem Bergarbeiterstreik von
1923. Soziale Motive standen auch hier am Anfang des Konfliktes. Die Stimmung
in den Gewerkschaften war bereits Monate zuvor ausgesprochen schlecht.
Sowohl die Regierungskommission wie auch die Grubenverwaltung lehnten
Forderungen nach Einführung der fortschrittlichen Weimarer Betriebsverfassung,
des Achtstundentages und der Schlichtungsverfassung ab. Die Gewerkschaften
hofften, wenigstens ihre Lohnforderung erfolgreich durchsetzen zu können, litt
doch Frankreich an Energienot. So kündigten die Gewerkschaften zum
30. Dezember 1922 den Lohntarifvertrag und verlangten eine Anpassung an die
höheren Lebenshaltungskosten. Die Nachricht von der Ruhrbesetzung durch
belgische und französische Truppen führte dazu, dass unter dem Motto
"Deutschlands Trauer ist unsere Trauer" alle politischen Parteien zum Generalstreik
aufriefen. Die Gewerkschaften hielten an ihren Lohnforderungen fest, eine
Einigung kam nicht zustande. Der Streik dauerte 100 Tage und mehr als 70.000
Menschen beteiligten sich an ihm.38 40
38 Mallmann u. Steffens (Anm. 4), S. 119.
39 Ebd., S. 130, 138.
40 Ebd.
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