Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

trauensvoll  zusammenzuarbeiten,  gescheitert.  Nicht  zuletzt  deshalb  nutzte  der
DGB  die  Chance,  sich  gegenüber  den  saarländischen  Arbeitnehmern  in  der
Mitbestimmung  zu  bewähren  und  so  seine  Position  gegenüber  teilweise  misstrauischen
  alten  Industrieverbandsmitgliedern  und  Christlichen  Gewerkschaftern
zu  stärken.  Da  die  Saargewerkschaftler  bisher  keine  Erfahrungen  in  der  Mitbestimmung
  sammeln  konnten,  kam  die  Professionalisierung  personell  mit  Rudi
Tschirner,  Heinrich  Straeter  und  Hans  Eick  von  außen.  Dies  war  nicht  unproblematisch,
  reagierten  doch  einige  Saargewerkschafter  mit  anfänglicher  Distanz,
verbunden  auch  etwa  mit  dem  Gefühl  von  Westfalen  fremdbestimmt  zu  werden.
Hier  wurde  an  alte  Gefühle  aus  dem  Dritten  Reich  mit  Blick  auf  die  Personalsituation
  der  Bergwerksdirektion  angeknüpft.2
Die  Bergbaukrise  Ende  der  50er  Jahre  und  der  Modernisierungsprozess  in  der
Montanindustrie  bot  den  Gewerkschaften  im  Kontext  der  Montanmitbestimmung
die  Chance,  diesen  Prozess  unter  Wahrung  von  Arbeitnehmerinteressen  mitzugestalten.
  Dabei  war  das  nahezu  gleichzeitige  Zusammentreffen  von  Montanmitbestimmung
  und  Montankrise  für  die  Umsetzung  der  Mitbestimmung  eher
förderlich  gewesen.  Zugleich  verjüngte  sich  die  Belegschaft  in  den  Unternehmen.
  Arbeiter,  die  das  Dritte  Reich  und  die  Hoffmann-Zeit  miterlebt  hatten,
schieden  vorzeitig  aus  und  dem  DGB  und  seinen  Gewerkschaften  gelang  es,  die
jüngere  Generation  für  sich  zu  gewinnen.  Insbesondere  im  seit  Mai  1958  paritätisch
  besetzten  Aufsichtsrat  der  Völklinger  Hütte  entwickelte  sich  ein  konstruktives
  Verhältnis  zwischen  Betriebsratsvorsitzendem,  Arbeitsdirektor  und
Aufsichtsratsvorsitzendem.  In  einem  langen  aber  kontinuierlichen  Prozess
schwächte  sich  die  traditionell  patriarchalische  Unternehmenskultur  deutlich  ab,
wobei  natürlich  unter  anderem  die  Persönlichkeit  von  Ernst  Röchling  diese
Entwicklung  förderte.  Auch  auf  der  Dillinger  Hütte  entwickelte  sich  trotz  französischer
  Aktienmehrheit  und  französischen  Führungskräften  eine  konstruktive
Mitbestimmung,  die  insbesondere  im  Bereich  Unfall-  und  Arbeitsschutz,  Lohngerechtigkeit
  und  Berufsausbildung  Erfolge  erzielen  konnte.  In  Neunkirchen
waren  die  Fronten  vergleichsweise  verhärtet  und  das  Verhältnis  zwischen  Generaldirektor
  Schluppkotten  und  Arbeitnehmervertretung  war  von  Misstrauen
und  Konfrontation  geprägt.27 28  Die  ohnehin  sehr  weitgehende  deutsche  Mitbestimmung
  wurde  1976  mit  der  Ausdehnung  der  paritätischen  Mitbestimmung
auch  auf  andere  Wirtschaftsbereiche  wesentlich  ausgebaut.  Das  Bundesverfassungsgericht
  wurde  angerufen  und  bestätigte  1979  den  Willen  des  Gesetzgebers.


27  Kotthoff  u.  Ochs  (Anm.  4),  S.  23,  49.
28  Ebd„  S.  94.

315
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.