Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

sehe  Besatzungszone  votierten.  Mit  der  Wirtschaftsunion  veränderte  sich  ihre
Perspektive:  Rücksicht  auf  die  Wirtschaftsunion,  eigene  Traditionen  und  Sicherstellen,
  dass  saarländische  Sonderregelungen  keine  Rückwirkungen  auf  Frankreich
  hatten,  waren  nun  bestimmend;  während  zuvor  -  im  Kontext  der  Interpretation
  der  Kriegsereignisse  -  die  Kontrolle  unternehmerischer  Macht  und  die
Förderung  demokratischer  Strukturen  maßgeblich  waren.  Noch  vor  Inkraftreten
der  Wirtschaftsunion  wurde  im  August  1947  eine  Betriebsräteverordnung
eingeführt,  die  sich  an  die  rheinland-pfälzische  zwar  anlehnte,  aber  in  entscheidenden
  Punkten  von  ihr  abwich.  So  fehlte  eine  Mitwirkung  des  Betriebsrates  an
der  Produktionssteigerung.  Zu  allen  wirtschaftlichen  Fragen  wurde  ihm  eine
Beratungsfunktion  gegeben,  präzisiert  wurde  sie  aber  lediglich  in  der  Frage  der
Kriegsproduktion.  Die  Informationspflicht  des  Arbeitgebers  war  dabei  sehr
schwach  formuliert.  Es  fehlte  eine  Bestimmung,  wonach  der  Betriebsrat  zur
Prüfung  der  Bilanzen  einen  Wirtschaftsprüfer  hinzuziehen  konnte.  Im  Vergleich
zu  Rheinland-Pfalz  war  die  saarländische  Verordnung  arbeitgeberfreundlich.  So
lag  auch  der  Vorsitz  im  Betriebsrat  beim  Arbeitgeber.  Der  Entwurf  zum  Betriebsrätegesetz
  des  sozialdemokratischen  Arbeitsministers  Kirn  orientierte  sich  an
Baden  und  Rheinland-Pfalz.  Sein  Entwurf  gestattete  Gewerkschaften  an  Betriebsratssitzungen
  teilzunehmen,  auch  wenn  keiner  der  Betriebsräte  einer  Gewerkschaft
  angehörte.  Ferner  konnten  die  Gewerkschaften  Personalversammlungen
einberufen.  Aus  seiner  Erfahrung  als  Gewerkschafter  wollte  Kirn  so  die  Gewerkschaften
  zu  Multiplikatoren  bei  der  Errichtung  von  Betriebsräten  machen.  Ihm
war  bewusst,  dass  die  Arbeitnehmer  in  den  Betrieben  unternehmerischem  Druck
ausgesetzt  waren,  wenn  es  um  die  Betriebsratsarbeit  ging.  Auch  das  Bewusstsein
über  Bedeutung  und  Möglichkeiten  des  Betriebsrates  war  gerade  im  Saarrevier,
in  dem  das  Weimarer  Betriebsrätegesetz  nicht  gegolten  hatte,  nur  schwach
ausgeprägt.  Kirn  war  überzeugt,  Betriebsräte  könnten  Unternehmen  nur  dann
kontrollieren,  wenn  ihnen  professionelle  gewerkschaftliche  Hilfe  beistandf'
Seine  Vorstellungen  scheiterten  nur  vordergründig  am  Koalitionspartner  CVP,
dem  die  Regelungen  zu  weit  gingen.  Vor  allem  Mittelständler  wehrten  sich
gegen  den  Entwurf.  Innenpolitisch  nutzten  SPS  und  CVP  die  Kontroverse  dazu,
ihr  politisches  Profil  zu  schärfen,  die  SPS  als  eine  Partei  mit  weitgehenden
sozialpolitischen  Vorstellungen,  die  CVP  als  eine  soziale  und  mittelstandsorientierte
  Partei,  ein  Profil  -  so  authentisch,  dass  man  bereit  ist,  dafür  auch  eine
Koalition  zu  beenden.  Entscheidend  war  jedoch  der  Widerstand  des  französischen
  Wirtschaftspartners,  der  massiv  gegen  den  Gesetzentwurf  intervenierte.
Grandval  fürchtete  eine  Lähmung  der  Saarwirtschaft  und  sprach  gegenüber  dem
Quai  d'Orsay  von  einer  "menace  réelle"  für  die  Wirtschaftsunion.  Hinter  den
Kulissen  empörten  sich  französische  Unternehmer  an  der  Saar.  Sie  befürchteten
Rückwirkungen  auf  die  französische  Gesetzgebung.  Der  Direktor  der  Haiberger

25 Herrmann  (Anm.  1),  S.  431  ff,  S.  438ff.

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